Franz Hinkelammert

Ich gehe aus von der Kritik der Marktreligion so wie sie Marx begann. Das Zentrum dieser Kritik der Marktreligion ist der Marxsche Humanismus, der ein Humanismus der Praxis ist und nicht irgendein Humanismus sentimentaler oder emotionaler Art.

Als Humanismus der Praxis hat dieser Marxsche Humanismus sein Wahrheitskriterium in eben dieser menschlichen Praxis. Dies sagt Marx, wenn er sagt: das höchste Wesen für den Menschen ist der Mensch. Dies impliziert: der Markt ist für den Menschen da, nicht der Mensch für den Markt. Der Mensch ist nicht für das Kapital und die Maximierung der Gewinnspannen da, sondern das Kapital ist für den Menschen da.

Es wurde jedoch eine entgegengesetzte Marktreligion entwickelt.

Der Gott der Religion des Marktes

Der Gott als irdischer Gott ist der Markt als Gott und dieser hat sich aufgerichtet als der höchste aller Götter. Seine Aggressivität kennt kein Ende.

Marx zitiert Christoph Kolumbus:

„Gold ist ein wunderbares Ding! Wer dasselbe besitzt, ist Herr von allem, was er wünscht. Durch Gold kann man sogar Seelen in das Paradies gelangen lassen.“  Columbus, im Brief aus Jamaica, 1503. - Karl Marx, Das Kapital Bd. I. MEW, Band 23, Berlin 1968,S. 145

Bereits Kolumbus stellt den Gott Gold höher als den christlichen Gott, indem er ihm die Macht zuschreibt, über den Eintritt der Seelen ins Paradies zu entscheiden. Aber auch auf Erden  geschieht etwas ähnliches: Wer das Gold besitzt, ist Herr von allem, was er wünscht.

Bereits während der Eroberung Amerikas kapitulierte ein grosser Teil des Christentums vor der Marktreligion, die von der Religion des Goldes herkommt.  Las Casas konnte dies nicht ändern, ebenfalls wurden die grossen Anstrengungen der Franziskaner und Jesuiten (letztere vor allem in Paraguay) schliesslich weitgehend besiegt. Marx beschuldigt nicht das Christentum als solches, sondern die Marktreligion (des Goldes) die das Christentum verwandelte und untergrub. Diese Marktreligion ist gleichzeitig die Religion der Aggressivität und der Gewalt. Der IS und Al Qaeda haben sie zum guten Teil kopiert, der Mord-Selbstmord ist die Kopie dessen, was sich bereits Ende der 70er Jahre in den USA durchgesetzt hatte, das heisst, mit der Strategie der Globalisierung und ihrer neoliberalem Marktreligion. Dieses Projekt der Globalisierungsgstrategie wird reproduziert von den vielen einzelnen Projekten, die den Charakter eines Mord-Selbstmords haben, wenn auch häufig auf eine nicht-beabsichtigte Weise. Auf diese Weise hat sich  dieser Mord-Selbstmord weltweit gegenwärtig gemacht.[1]

In der Mitte des XVII Jahrhunderts folgt hierauf der Leviathan von Hobbes. Dieser Leviathan  von Hobbes ist nach Hobbes der sterbliche Gott unter dem ewigen Gott: der sterbliche Gott ist der Gott der Marktreligion, sein Blut ist das Geld. Das Geld ist das Lebensprinzip des sterblichen Gottes und ist gleichzeitig der Gott des Marktes. Der Markt aber ist das Zentrum dessen, was Hobbes den commonwealth nennt. Er ist eine Art von Corpus Christi. Es handelt sich um das wirtschaftlich-soziale System. Hobbes geht bereits einen bedeutenden Schritt weiter über den Gott Gold von Kolumbus hinaus. Es ist jetzt der in den einzigen Gott transformierte Markt. Die Moderne verwirklichte diese Transformation in einen einzigen Gott, der gleichzeitig Gott des Marktes, des Geldes und des Kapitals ist. Es ist ein dreieiniger Gott.

Hier gibt es keine Säkularisierung, sondern eine Vergöttlichung des Marktes. Es handelt sich gleichzeitig um eine Fetischisierung der Welt, die an die Stelle der Entzauberung der Welt tritt, von der Max Weber sprach. Offensichtlich ersetzt der Fetisch, von dem Marx sprach und den er analysierte, die Magie, deren Ende Max Weber feststellt.. In diesem Fetisch ist die Allgegenwärtigkeit des Marktes gegenwärtig.

Vor der Moderne war das Geld durchaus auch etwas göttliches. Aber es war nicht die höchste Göttlichkeit. Es wurde der Habsucht  gleichgestellt. Immer gab es auch das: Du sollst nicht begehren... des zehnten Gebotes der jüdischen Bibel. Die Moderne löscht dies faktisch aus. Wir befinden uns in einer immer glänzenderen Supernova, die dabei ist, in ein schwarzes Loch umzuschlagen. Möglicherweise werden unsere Enkel und Enkelinnen die Verfluchungen hören, die die letzten Menschen vor der totalen Katastrophe über uns ausschreien.

In dem dritten und vierten Jahrhundert unserer Zeit wurde das Christentum imperialisiert. Der Staat wurde sein Zentrum. In dem 14en bis 16en Jahrhundert wurde das Christentum der wirtschaftlichen Macht ausgeliefert, folglich wurde es merkantilisiert. Sein Zentrum war dann der Markt, der sich zuerst auf den Gott Gold, der durch die Eroberung Amerikas entdeckt wurde, konzentrierte. Dem folgt dann der Übergang zum trinitarischen Gott, der Markt, Geld und Kapital ist.

Der Markt bei Adam Smith und seine Theologisierung

Das Denken von Adam Smith ist für den nächsten Entwicklungsschritt der Marktreligion von äusserster Wichtigkeit.  Dieser begreift in der zweiten Hälfte des XVIII Jahrhunderts den Markt als eine Göttlichkeit,  die mit Hilfe ihrer unsichtbaren Hand die Gesamtheit der Märkte überall und an jedem Ort reguliert. Damit wird der Markt als höchsten Gott für alle Götter installiert. Er wird zum Wahrheitskriterium über alle sonstigen Götter. Es ist der Gott der Selbstregulierung des Marktes, der mit seiner unsichtbaren Hand alle im Markt auftretenden menschlichen Aktionen im Sinne des jeweils bestmöglichen Ergebnisses reguliert. Aber für Adam Smith sind sie völlig selbstverständlich:

"Aber in einer zivilisierten Gesellschaft kann der Mangel an Nahrungsmitteln nur unter den unteren Volksklassen einer weiteren Vermehrung der Menschen Schranken setzen, und er kann dies nur dadurch, daß er einen großen Teil der Kinder, die ihre fruchtbaren Ehen hervorbringen, tötet...

So geschieht es, daß die Nachfrage nach Menschen, gerade wie die nach jeder anderen Ware, notwendig auch die Erzeugung der Menschen reguliert: sie beschleunigt sie, wenn sie zu langsam vor sich geht, und sie verzögert sie, wenn sie zu rasch fortschreitet.Smith, Adam: Der Reichtum der Nationen. Kröner, Leipzig 1924. 1. Buch, 8. Kapitel. I,80/81

Man sieht sofort: hier ist der Markt das höchste Wesen für den Menschen. Der Markt entscheidet auf legitime Weise über Leben und Tod der Menhschen. Der Marktgott ist ein legitimer Despot. Es ist also auch der Gott des Mittelalters, der auf völlig willkürliche Weise über Leben und Tod entscheiden darf. Dieser Gott ist ein willkürlicher Despot, der eine masadamnata, die häufig auf völlig willkürliche Weise bestimmt wird,sogasr zur ewigen Höllenstrafe verurteilt. Adam Smith macht deutlich klar, dass es dieser Gott mit seiner unsichtbaren Hand zurückkommt, die jetzt auch die Propduktion der menschlichen Gattung reguliert. Um kurz zu wiederholen, was Adam Smith gesagt hatte:

„So geschieht es, daß die Nachfrage nach Menschen, gerade wie die nach jeder anderen Ware, notwendig auch die Erzeugung der Menschen reguliert: sie beschleunigt sie, wenn sie zu langsam vor sich geht, und sie verzögert sie, wenn sie zu rasch fortschreitet“.

Die Mittel, durch die der Markt seine Funktion der Selbstregulation des Marktes erfüllt, siond der Hunder und die Krankheit. Das ist wesentlicher Teil der Harmonie des Marktes. Diese Harmonie sichert es, dass jeder  jedem anderen zu Diensten ist, notfalls  dadurch dass sie tötet. Sie sichert, dass niemals eine Bevölkerung entsteht, die von der Sicht des Markteshera;süberf;üssig beurteilt werden muss. Der Markt tötet gnädig die Überflüssigen, die sieser selbe Markt produziert. Auf diese Weise ist die schöne Harmonie des Marktes total. Es ist die unmsichtbare Hand, die vor Adama Smith bereits von Newton erwahnt wurde als jene unsichtbare Hand, die die Planeten in ihrer Umdrehgung um die Sonne führt und die viel vorher auch von der Phisosophie der Stoa in ihfrer Kosmologie ausgedacht wurde.

Diese ist jetzt eine Marktfigur, die Adam Smith zur Schau stellt.

Ich erinnere mich an einen Bericht über den Weltkongress zur Weltbevölkerung, der im Jahre 1994 stattfand. Danach behauptete ein Mitglied, das Teil einer nationalen Delegation war, dass eine grosse Verantwortung für die sogenannte Bevölkerungsexplosion auf die öffentlichen Gesundheitssysteme fällt. Das ist verständlich, wenn man denkt, dass diese Gesundheitssysteme ja die Selbst-regulierung des Marktes stören und begrenzen.

In unseren öffentlichen Diskussionen über die Selbstregulierung des Marktes mittels der unsichtbaren Hand des Gottes Markt pflegt man diese Dimensión der Selbstregulierung nicht zu erwähnen. Sie kommt allerdings im heutigen Neoliberalismus zurück.

Dennoch ist diese Konzeption durchaus realistisch. Würden wir den Markt auf diese Weise funktionieren lassen, indem wir jede Intervention in solche vorgeblichen „Markygesetze“ verhindern, dann funktionieren diese wirklich auf die beschriebene Weise. Aber sie verwandeln die Menschen, der diese Gesetze  durchsetzt, in Bestien. Und tatsächlich vertritt Adam Smith durchaus nicht  eine absolut dogmatische Anwendung dieser sogenannten Marktgesetze. Er argumentiert mehrere Male  Ausnahmen die er als legitim ansieht. Aber er entwickelt überhaupt keine Argumente zur Stützung  oder Relativierung seiner zitierten Ausgangsthesis.

Diese Vorstellungen von Adam Smith in Bezug auf die Selbstregulierung des Marktes wurde allerdings von der jetzt sich entwickelnden Gesellschaft keineswegs allgemein akzeptiert. Das Denken von Adam Smith ist ein Denken, das keine Menschenrechte kennt un in diesem Sinne überhaupt keine wirkliche Ethik hat, weil bei ihm alle Rechte des Menschen einfach Marktrechte sind. Es handelt sich daher um Eigentumsrechte. Für Smith ist der Markt das höchste Wesen für den Menschen. Aber gerade die fanzösische Revolution entwickelt wenig später die Vorstellung von Menschenrechten und ermöglichst damit die Kämpfe um die menschliche Emanzipation im Namen der Menschenrechte im XIX Jahrhundert bis heute.

Damit wurde immer mehr sichtbar, dass das Denken von Adam Smith ganz einseitig ein Denken der Interessen der obersten Klassen ist.

Der Konflikte um die Menschenrechte.

Diese Aufkommen von Menschenrechten ist etwas Neues in der gesamten menschlichen Geschichte. Sie kommen jetzt auf als Rechte des Menschen als menschlichem Subjekt, die mit dem Recht darauf, sie zu verteidigen und um ihre Anerkennung durch die gesamte menschliche Gesellschaft zu kämpfen, wobei selbst ein Recht auf Insurrektion folgt.

Diese neue Dimension desdemokratischen menschlichen Lebens entsteht mit der französischen Revolution. Sie entsteht in einem Moment in dem der Weltmarkt sich als kapitalistischer Weltmarkt konstituiert hat. Der Humanismus der französischen Revolution  ist noch ein Humanismus der weitgehend reduziert ist auf einen Humanismus des abstrakten Menschen, der vor allem als Eigentümer gesehen wird. Aber diese französische Revolution, die in eine durchaus eng bürgerliche Revolution einmündet, begründet gleichzeitig diejenigen Kategorien, von denen aus sich ein neuer Humanismus entwickeln lässt.

Es handelt sich insbesondere um zwei Kategorien. Auf der einen Seite, entstehen Reraktionen gegenüber daewm, was jetzt als eine grosses Reduktion der rechte des Menschen als einem abstraktem Menschen, der vor allem Eigentümer,männlich und weissist und ganz ausserordenliche Ausbeutungsrechte gegenüber anderen Menschen geniesst, einschliesslich der Zwangsarbeit durch Sklaverei.

Auf der anderen Seite führt die französische Revolution die zentrale politisch-juristische Kategorie des Staatsbürgers, descitoyen, ein. Hiermit schafft sie die Grundlage aller modernen Demokratie, auch wenn  diese Kategorien sich zuerst vor allem auf die Staatsbürgerschaft von weissen Männern bezieht. Mit Hilfe der Kategorie der Staatsbürgerschaft und ihrer konstanten Erweiterung wird eine Bewegung der Menschenrechte entfesselt, die die zukünftigen Kämpfe um die menschliche Emanzipation definiert. Der Mensch als Staatsbürger und Staatsbürgerin ist nicht notwendig ein bourgeois sondern ist fähig seine Emanzipation zu verfolgen, die über die Grenzen der bürgerlichen Gesellschaft selbst hinausgehen.

Es handelt sich zuerst um die Emanzipation der Frauen,der Arbeiterklasse und der Slaven. Die Härte der Konflikte  können wir symbolisieren durch drei grosse Morde. Es handelt sich um den Mord von Olympe de Gouges, die die volleStaatsbürgerschaft der Frauen forderte und zur Guillotine geschickt wurde. Babeuf, der die Rechte der Arbeiterklasse und insbesondere ihre Assoziationsrechte vertrat, landete ganz ebenso auf der Guillotine. Toussaint Louverture, der Befreier der Sklaven in Haiti, wurde Gefangen genommen und faktisch ermordet durch die extremen Haftbedingungen, denen er durch Napoleon ausgesetzt war.

Diese Forderungen der Emanzipation waren durchaus das Produkt der französischen Revolution, aber diese  wendete sich gegen diese Emanzipationen in dem Grade in dem sie sich als rein bürgerliche Revolution definierte. Später werden sie vertreten und ihre Erfüllung gefordert durch die sich entwickelnden Bewegungen menschlicher Emanzipation: der Frauen, der Sklaven und der Arbeiterklasse ganz allgemeinen. Danach, vor allem im XX. Jahrhundert kommen neue Emanzipationen, vor allem die der Kolonien,der kolonialisierten Kulturenund ebenso die Emanzipation der ausgebeuteten und zerstörten Natur.

Alle diese Emanzipationen entwickeln sich dem bürgerlichen System gegenüber, das sich jetzt dem Konflikt mit den Opfern seiner eigenen Entwicklung stellen muss.

Es handelt sich um einen neuen Humanismus des lebenden Subjekts gegenüber der Reduktion des bürgerlichen Humanismus der Eigentümer innerhalb  einer Marktgesellschaft, die in sich die Tendenz hat, nur ein einziges Recht als Menschenrecht anzuerkennen: das Eigentumsrecht.

Die Emanzipationskämpfe hatten viele Erfolge dadurch, dass sie die Menschenrechte als Rechte von Menschen in die Verfassungen einfügte, die die Reduktion des Rechtsstaates auf die Eigentumsrechteauszuschliessen  versucht.

Vorher gab es eine derartige Anerkennung von Menschenrechten nicht. Aber es gibt durchaus Vorgänger dieser Menschenrechte. Auf der einen Seite zum Beispiel das mittelalterliche Naturrecht von Thomas de Aquino. Aber dies hat nur eine sehr beschränkte Gültigkeit. Es enthält vor allem keine Widerstandsrechte  des Subjekts und es richtet sich ganz einseitig an die Autoritäten, denen es dieses Naturrecht als eine moralische Pflicht vorschreibt. Erfüllen sie es nicht, gelten sie eben nicht. Es gibt kein Widerstandsrecht des betroffenen Subjekts. Ein anderer Vorgänger ist die Demokratietheorie von Rousseau.

Das was in unserer Gegenwart geschieht und insbesondere durch die Globalisierungsstrategie unterstützt wird, ist ein Versuch, der bereits viele Katastrophen ausgelöst hat. Es handelt sich darum aufs neue die Menschenrechte des Menschen als Subjekt aufs neue abzuschaffen. Dies geschieht heute geradeim Namen der Totalisierung des Marktes und des Privateigentums. Als Konsequenz hiervon werden Schritt für Schritt die Menschenrechte, die das Ergebnis dieser Emanzipationskämpfe der letzten beiden Jahrhunderte sind, wieder abgeschafft.

Die Rebellion gegen die Menschenrechte

Diese Verneinung der Menschenrechte hat allerdings bereits eine Geschichte. Diese beginnt in der zweiten Hälfte des XIX Jahrhunderts mit der Philosophie Nietzsches, die einige Vorläufer hat (Schopenhauer, Bruno Bauer  etc.) Aber Nietzsche begründet eine spätere Tradition der Verneinung der Menschenrechte. Nietzsche macht eine Art Rebellion gegen die Gleichheit aller Menschen. Alles nachfolgende faschistische Denken erkennt sich in Nietzsche wieder, obwohl, eben Nietzsche noch keineswegs ein Faschist ist. Aber er schafft ein Denken und eine Sprache, die dann dem Faschismus dienen kann wie keine einzige sonstige.

Ich möchte nur einige Zitate bringen die sich auf die Emanzipationen des XIX. Jahrhunderts beziehen, denen Nietzsche entgegentritt:

“’Gib mir, Weib, deine kleine Wahrheit!’ sagte ich. Und also sprach das  Weiblein: ‘Du gehst zu Frauen? Vergiss die Peitsche nicht! ' - Also sprach Zarathustra.” Nietzsche, Friedrich:  Werke in drei Bänden. Hrgb. Karl Schlechta. Hanser, München, 1982. Bd 2,  S.330

Der Emanzipation der Arbeiterklasse gegenüber sagt Nietzsche (im Antichristus)

"Paulus, der Fleisch-, der Genie-gewordene Tschandala-Haß gegen Rom, gegen die 'Welt', der Jude, der ewige Jude par excellence.... Was er erriet, das war, wie man mit Hilfe der kleinen sektiererischen Christen-Bewegung abseits des Judentums einen 'Weltbrand' entzünden könne, wie man mit dem Symbol 'Gott am Kreuze' alles Unten-Liegende, alles Heimlich-Aufrührerische, die ganze Erbschaft anarchistischer Umtriebe im Reich, zu einer ungeheuren Macht aufsummieren könne. 'Das Heil kommt von den Juden.'.."(Nietzsche Schlechta, II.,1230Antichrist, IIS.,1230)

oder

"Das Gift der Lehre 'gleiche Rechte für alle' - das Christentum hat es am grundsätzlichsten ausgesät; das Christentum hat jedem Ehrfurchts- und Distanz-Gefühl zwischen Mensch und Mensch, das heißt die Voraussetzung  zu jeder Erhöhung, zu jedem Wachstum der Kultur einen Todkrieg aus den ressentiment der Massen sich die Hauptwaffe geschmiedet gegen uns, gegen alles Vornehme, Frohe, Hochherzige auf Erden, gegen unser Glück auf Erden.. Die Unsterblichkeit jedem Petrus und Paulus zugestanden, war bisher das heimlichsten Winkeln schlechter Instinkte gemacht - es hat aus dem größte, das bösartigste Attentat auf die vornehme Menschlichkeit. -" (Der Antichrist. Fluch auf das Christentum, II, 1205)

Für Nietzsche ist der Krieg der höchste Ausdruck des Menschlichen, des Humanen. Entsprechend ist die Sklaverei der vernünftigste und direkteste Weg zur menschlichen Freiheit, die nur ausgehend von den Herren der Sklaven her existiert. Die Sklavenbefreiung  ist daher eine Gefahr für die menschliche Freiheit. Ebenso ergibt sich bei Nietzsche eine durchaus neue Begründung des Antisemitismus, die sich jetzt gegen die jüdische und auch christliche Tradition zugunsten der unterdrückten Klassen richtet. Das was Nietzsche ausdrückt, ist, dass die Wurzel der Klassenkämpfe und des Aufstands der Unterdrückten jüdisch, aber auch christlich ist. Dies wird dann durch rechtsradikale Bewegungen der 20er Jahre des XX. Jahrhunderts, vor allem der Ludendorff-Bewegung in Deutschland, zu einem neuen Antisemitismus verarbeitet, von dem her dann Hitler diese neue Dimension des Antisemitismus übernimmt. Unsere gegenwärtige Interpretation des Antisemitismus pflegt nicht einmal diese Problematik und diese Verbindung zu erwähnen. Man sollte hierzu das Buch lesen von Max Frisch: Wilhelm Tell für die Schule (1971), um diese Verbindung zu verstehen.

Nach Frisch war Wilhelm Tell ein ganz gewöhnlicher Bandit, der auf mythische Weise in wenigen Jahrzehnten in einen Freiheitshelden umgewertet  (umgemythet) wurde. Genau das ist, nach Frisch, mit dem Nazismus in seiner Zeit (um 1970) passiert ist. Wie man den Nazismus in der Zeit, in der Frisch das Buch schreibt, interpretiert, hat mit dem wirklichen Nazismus so wenig zu tun wie die Geschichte vom Freiheitshelden Wilhelm Tell mit dem wirklichen Wilhelm Tell zu tun hat. Für Frisch ist diese Geschichte von Wilhelm Tell der Beweis, dass solch eine Umwertung in wenigen Jahrzehnten möglich ist, obwohl es noch viele Zeitzeugen gibt. Allerdings ist die Umwertung im Falle des Nazismus genau umgekehrt. Aus den Nazis wurden einfach antisemitische Banditen gemacht, die sich in den Dienst einer christlich-antijüdischen Substanz stellten. Dies machte dann die Tatsache unsichtbar, dass der Nazismus eine die ganze westliche Geschichte neu bestimmende Kulturrevolution – oder vielmehr Antikulturrevolution – darstellte, die in ihrer antiutopischen Form die westliche Kultur bis heute ganz hegemonisch beherrscht. In dieser verfälschten Form verliert der Antisemitismus verliert völlig seinen Charakter eines Klassenkampfes von oben. Die Blinden sehen und die Sehenden sind blind.

Die faschistischen Bewegungen die nach dem I. Weltkrieg aufkommen sind sicher extrem mörderisch und totalitär. Gleichzeitig sind sie allerdings auch äusserst leidenschaftlich. Als die faschistischen Truppen während des spanischen Bürgerkriegs die Universität von Salamanca eroberten,  war ihr Schrei: Es lebe der Tod, es sterbe die Intelligenz. Heidegger in Deutschland sprach vom Menschen als einem „Sein zum Tode“. Auch Ernst Jünger spricht ganz in diesem Sinne. Einer der letzten war ganz zweifellos Jorge Luis Borges, der ohne Zweifel einer der bedeutenden Dichter von Lateinamerika ist. All dieses faschistische Denken wird begleitet von einer Welt der Phantasie, die häufig nicht nur anziehend für Personen mit einer faschistischen Orientierung sind. Aber immer handelt es sich um Ideen, die die Verneinung der Menschenrechte implizieren und damit den Willen zur Macht zum Fundament alles Menschlichen erklären. In der Sprache der Wirtschaftswissenschaften wird diese Orientierung normalerweise durch das Wort „Wettbewerb“ übersetzt. Es kann sich dabei sowohl um den Wettbewerb auf dem Markt als auch um einen Wettbewerb zwischen Staaten handeln, dessen Mittel der Krieg ist.

Alle diese anti-humanistischen Positionen der verschieden Faschismen in den 20er bis 40er Jahren des vergangenen Jahrhunderts, kommen heute zurück obwohl ihr äusseres Auftreten sich oft sehr verändert hat. Es ist nicht mehr ein von den Massen ausgehendes Denken, das aber auch nicht von staatlichen Instanzen ausgeht. Es handelt sich jetzt um ein Denken, das vom Markt ausgeht und das durch die grossen privaten Bürokratien der privaten Grosssunternehmungen vorangetrieben wird. Diese Bürokratien beherrschen jetzt die grosse Mehrheit der Kommunikationsmittel. Die Pressefreiheit selbst ist in ihr Gegenteil verkehrt worden. Sie wurde  zu einem Mittel der Kontrolle der Meinungsfreiheit  umgemünzt. Von dieser Macht her versucht man jetzt die Massen zu erobern.. Auf der andern Seite, untergräbt der Lobbyismus der Grossunternehmungen viele politischen Parteien und schafft eine Tendenz in der Richtung der Trennung der Politiker von ihren Wählern. Die Demokratie versagt immer mehr und kann faktisch kaum noch die Machtpositionen einnehmen, die aus den Wahlen hervorgehen könnte. Die grossen privaten Bürokratien herrschen und entwickeln die Tendenz, die Wahl- und Vertretungsmechanismen einfach in einen Vorwand von Demokratie selbst zu verwandeln, der sie nicht mehr eine Grundlage geben kann.

In dieser Situation ergeben sich heute neue Bewegungen der extremen Rechten. Es zeigt sich als sehr schwierig, ihrer Irrationalität zu begegnen. Alle unsere Kultur verwandelt sich in eine Art Anti-Kultur. Sie gründet sich auf die Aushöhlung der Kultur selbst mit dem Ergebnis, dass es ständig schwieriger wird, solidarische Lösungen zu entwickeln. Die Kultur, die diese tragen könnte, löst sich auf. Dies ist dann auch einer der Gründe dafür, dass des für die Inhaber der ökoniomischen Macht immer mehr eine Marktreligion begründen und verstärken müssen. Das Argument, das diese Situation zu bestätigen versucht,erweisst sich ständig mehr als ein irrationales Argument, dem gemäss selbst die traditionalen Religionen ausgehöhlt werden müssen, um die gleiche Irrationalität zu erzeugen. Dies gelingt vor allem dort, wo sich fundamentalistische Bewegungen schaffen lassen. Diese traditionalen Religionen haben eine Rationalität die sehr verschieden ist von dem, was ein total gewordener Markt braucht. Sie müssen daher selbst ausgehöhlt werden, um dann der Marktreligion unterworfen zu werden. Die traditionale Religion überlebt dann, aber ohne ihren rationalen Kern. Folglich ergibt sich eine Marktreligion die ganz extrem sakrifiziell ist. Da die Religionen nicht verschwinden, erweist es sich als notwendig, alle Religionen diesem Prozess der allgemeinen Aushöhlung unserer Kultur zu unterwerfen.

Die Verneinung der Menschenrechte heute: der Neoliberalismus

Ich kann hier nur de wesentlichen Schritte dieser Verneinung der Menschenrechteheute aufzeigen.

Als erstes geht es darum zu sehen, wie die Neoliberalen die Menschenrechte selbst direkt verneinen. Dies ist der Ausgangspunkt:

"Man geht immer von einem fundamentalen Irrtum aus, der weit verbreitet ist. Es ist der Irrtum, dem gemäss die Natur dem Menschen unverzichtbare Rechte gegeben hat aus dem blossen Grunde, weil er geboren wurde."

(Ludwig von: La mentalidadanticapitalista. (1956) Madrid, Unión Editorial;. 2011 p.79

“The worst ofall these delusions is the idea that "nature" has bestowed upon every man certain rights. According to this doctrine nature is openhanded toward every child born…. Every word of this doctrine is false.”

Mises, Ludwig von: The anti-capitalistic mentality. The Ludwig von Mises Institute. Auborn, Alabama, 2008. (1956) p.80/81)

Dies bedeutet, dassalle Menschen Eigentumsrechte haben, aber keiner ein Recht zu leben hat. Eigentumsrechte beschützen das Eigentum, das jemand hat. Aber eine Person, die kein Eigentum hat, hat überhaupt keine Rechte.

Hier bricht der Neoliberalismus mit einer Jahrtausende alten menschlichen Tradition. Meistens wurde diese Tradition  anerkannt, obwohl sie sehr häufig nicht durchgesetzt wurde.

Man muss sterben lass, behauptet demgegenüber Hayek.Für Hayek und für alle Neoliberalen gilt, dass sterben lassen keineswegs töten ist. Hazyek beschreibt dann das Ergebnis einer solchen Einstellung:

"Ganz so wie die Vorväter, die in Höhlen wohnten, muss auch der heutige Mensch die traditionale demographische Kontrolle  akzeptieren: Hungersnöte, Pestkrankheiten, Kindersterblichkeit etc." Hayek, Friedrich (1981) Zeitschrift Realidad. Santiago, Nr.24 año 2  s. Biagini, Hugo E./ Fernandez Peychaux, Diego

Elneuroliberalismo y la ética del másfuerte.  Editorial UniversidadNacional, Heredia, Costa Rica, 2015 S. 172

Hieraus leitet Hayek dann in einem Interview in der chilenischen Tageszeitig El Mercurio vom 19.4.1981 die Notwendigkeit von Menschenopfernab:

“Eine freie Gesellschaft braucht Moralen die sich in letzter Instanz auf die Erhaltung von Leben reduzieren: nicht auf die Erhaltung alles Lebens, denn es könnte notwendig sein, individuelles Leben zu opfern um eine größere Zahl anderer Leben zu retten. Daher sind die einzigen Regeln der Moral diejenigen, die zu einem ‘Kalkül des Lebens” führen: das Eigentum und der Vertrag.” Hayek, Friedrich von. Interview Mercurio 19.4.81

Die Menschenopfer, die hier vertreten werden, werden mystifiziert, indem Hayek sie für fruchtbar erklärt.

Damit erreicht das neoliberale Denken ganz extreme Positionen. Aber von dieser Ablehnung der Menschenrechte her wird dann die neoliberale Religion des Marktes begründet. Der folgende Text kommt ebenfalls von Hayek, dem wichtigsten Guru des Neoliberalismus seit der Mitte des XX. Jahrhunderts:

„In seinem religiösen Aspekt, wird diese unsere Interpretation wiedergespiegelt durch jenes Wort aus dem Vaterunser, das sagt: ‚Dein Wille geschehe (und nicht der Meinige) wie im Himmel also auch auf Erden’, und ebenfalls in dem Zitat aus dem Evangelium:  ‚Nicht ihr habt mich erwählt, sondern ich habe euch erwählt und euch dazu bestimmt, dass ihr hingeht und Frucht bringt und eure Frucht bleibe…’“ (Joh 15,16)[2]

Gemäss Hayek spricht der Markt mit den Worten des christlichen Vater Unserzum Marktsubjekt und demgegenüber antwortet das neoliberale Marktsubjekt ebenfalls mit den Worten des Vater Unser und sagt: „Dein Wille geschehe (und nicht der Meinige) wie im Himmel also auch auf Erden“. Jetzt spricht der Markt weiter, dieses Mal mit den Worten des Evangeliums des Johannes und sagt zum arktsubjekt:”Nicht ihr habt mich erwählt, sondern ich habe euch erwählt und euch dazu bestimmt, dass ihr hingeht und Frucht bringt und eure Frucht bleibe…“

Hayek sieht nicht nur die Allgegenwart des Marktes. Ganz ebenso sieht er seine Allwissenheit und Allmacht.

Auf diese Weise ist jetzt der Markt zum Gott geworden. Es handelt sich um einen Gott, der das Recht hat zu töten und der ein völlig legitimer Despot ist. Ganz offensichtlich braucht er diesen Gott um auf legitime Weise die Abschaffung aller Menschenrechte durchsetzen zu können.

Diese Religion des Marktes wird heute als Wahrheitskriterium für alle Religionen benutzt. Eine Religion kann nur geduldet werden, wenn sie nicht das Zentrum ihres Glaubens innerhalb dieser Religion des Marktes ausdrückt.  Dies hat eine seiner Extreme gefunden in den Erklärungen von Santa Fe zum Beginn der Regierungsperiode von Reagan die im Jahre 198o begann. Diese Linie wurde später vor allem durch die sogenannte teaparty fortgesetzt. Dies führt dann zu einer simplen Identifizierung von Christentum und Religion des Marktes. Die Erklärung von Santa FE drückt dies folgfendermassen aus:

"Bedauerlicherweise haben marxistisch-leninistische Kräfte die Kirche als politische Waffe gegen das Privateigentum und den Produktiven Kapitalismus benutzt, indem sie die gläubige Gemeinde mit Ideen infiltrieren, die eher kommunistisch als christlich sind." Erklärung von Santa Fe 1980

So wird der CIA zur maximalen Autorität auf dem Gebiet der Theologie. Er verteidigt das Christentum, aber nur unter der Bedingung, dass es sich auf diese Religion des Marktes gründet. Wenn nicht, hat der CIA seine eigene Theologie, die selbst das Christentum  dazu verurteilt, so unmenschlich behandelt zu werden wie man es mit dem Kommunismus tut.

Die Aggressivität im Namen der Religion: die neoliberale Frömmigkeit.

Wir müssen auch über die Aggressivität der Religion sprechen. Alle Religionen haben auch eine Geschichte in diesem Sinne. Aber das gilt gerade auch für die Religion des Marktes. Aber über die Aggressivität dieser Religion des Marktes wird so gut wie gar nicht gesprochen. Es handelt sich um eine Aggressivität zwischen Personen, die im Wettbewerb stehen, aber ebensosehr zwischen Nationen und Imperien. Diese Aggressivität der Religion des Marktes fördert geradeeine besonders grosse Aggressivität zwischen Nationen und in der Linie des Kolonialismus. Daher ergibt sich die Notwendigkeit, sich der kolonialen Abhängigkeit entgegenzustellen und dabei die Aggressivität von Seiten der Religion des Marktes anzusprechen. Man wird kaum die gegenwärtige fast systematische Zerstörung des Nahen Ostens ohne die Religion des Marktes verstehen können. Ein grosser Fetischismus des Marktes, des Geldes und des Kapitals wird sichtbar. Es handelt sich offenbar vor alldem um die Religion der Globalisierungsstrategie. Aber unsere öffentliche Meinung, die nicht mehr ist als einfach eine veröffentlichte Meinung, erwähnt nicht einmal zufälligerweise diese Aggressivität, die sich aus dieser heute dominanten aggressiven Religion des Marktes  in unserer Gegenwart ableitet. Aber es ist wohl noch schlimmer. Speziell die grossen Mord-Selbstmorde, die in unserer Gegenwart überall in der Welt  stattfinden, sollten wir als Produkt der gegenwärtigen Religion des Marktes in ihrer westlichen Form anerkennen.

All diese Kritik an der Aggressivität der Religionen muss heute  bei der Religion des Marktes beginnen und in ihrer Kritik diese Aggressivität im Namen der Religion des Marktes einschliessen.  Es kann kaum einen Zweifel daran geben, dass diese Kritik des Marktes und seiner Religion in der Welt von heute  gegründet werden muss auf der Kritik der Religion von Marx (mit ihren vielen Vorgängern in der jüdischen Kultur  und dem frühen Christentum). Zweifellos hat derder spätere Marxismus in seiner Ausfirmung der marxistiscjhem Orthodoxie  praktisch diese Marxsche Religionskritik vergessen, mit einigen durchaus wesentlichen Ausnahmen wie Rosa Luxemburg, Walter Benjamin, Ernst Bloch.  Heute nähert sich Sahra Wagenknecht dieser Kritik an in ihrem Buch: Reichtum ohne Gier. Wie wir uns vor dem Kapitalismus retten. Campus Verlag. Frankfurt a/M 2016

Man muss allerdings heute  besonders betonen, dass diese “Gier”, auf die sich diese Autorin bezieht, in Wirklichkeit ein Frömmigkeitsverhältnis im Inneren der Religion des Marktes ist. Es handelt sich um eine Marktfrömmigkeit, die Teil der Religion des Marktes ist. In der Sprache der USA (auf englisch “greed”) wird sie mit viel grösserer Häufigkeit als in Europaganz offen als eine Frömmigkeitsbeziehung, also als etwas Göttliches, identifiziert.

Ganz offensichtlich reicht es nicht, diese Frömmigkeit des Marktes auf ein einfaches Problem für Psychiater zu reduzieren. Es handelt sich um eine religiöse Paranoia, die ein wesentlicher Teil der Sozialstruktur ist, die diese Frömmigkeit erfordert, damit sie ohne grössere Probleme funktionieren kann. Diese Frömmigkeit  ist eine Bedingung des Funktionierens der Struktur des Kapitalismussebstin der heutigen Gesellschaft des extremen Neoliberalismus. Aber es handelt sich eben nicht einfach um ein Problem der Psychologie, das von den CEO’s durchlebt wird; es handelt sich ebenfalls um ein Problem der Strukturen des Kapitalismus selbst, wie es auch die Autorin sichtbar macht. Tatsächlich entwickelt das System diese Psychologie und dieses Verhalten der Individuen und es fördert die Entwicklung dieser Art Frömmigkeit in dem Grade, in dem die Teilnehmer fürchten, ihren Status und ihre Privilegien zu verlieren  im Falle, dass sie diese Art Frömmigkeit nicht übernehmen.

Diese Frömmigkeit ist ganz das Gegenteil dessen, was unsere Alltagssprache unter Frömmojgkeit versteht. In Wirklichkeit handelt es sich um eine Umkehrung dieser alltäglichen Bedeutung. Naomi Klein macht eine Analyse dieses Problems an Hand der Autobiographie von Greenspan[3] und über das Verhältnis von Greenspan zur Philosophin Ayn Rand. Ich möchte Naomi Klein direkt zitieren:

„Daraufhin entdeckte (Greenspan) Ayn Rand. ‚Das was sie tat... war, mich zu dem Denken anzuregen, dass ja der Kapitalismus nicht nur effizient und praktisch, sondern auch moralisch ist’ sagte Greenspan im Jahre 1974.“

Wie man sieht, selbst Greenspan sagt hier, dass das Verhältnis zum Kapitalismus nicht einfach eine Sache der Effizienz und der Praxis ist, sondern ebenfalls eine Frömmigkeitsbeziehung  (der Moral) ist.

„Rand’s Ideen über die ‚Utopie der Gier’ erlaubten es Greenspan, weiterhin das zu tun was er bisher getan hatte, aber diesem Unternehmensdienst einen neuen und kräftigen Sinn von Mission zu geben: Geld zu machen war nicht nur eine gute Sache für ihn; ebenfalls war es ein Dienst für die Gesamtheit der Gesellschaft. Natürlich, die lächerliche Seite hiervon ist die völlig kühle Verachtung für diejenigen, die auf diesem Wege  einfach verlassen werden.’Eine klare Absicht und die Rationalität erreichen Glücklichkeit und Verwirklichung’, schrieb Greenspan als eifriger neuer Konvertit. ‚Die Parasiten die ständig jede Zielvorstellung oder Vernunft vermeiden, kommen um, wie sie es verdienen’...

Rand hat diese Rolle der Weiterbildung der Gier für unzählige Jünger gespielt. Gemäss der New York Times, Atlas Shrugged, ihr Roman, der damit endet, dass der Held des Romans das Zeichen des Dollar in die Luft projeziert nach der Art eines Segens, ist eines der Bücher über das Geschäftsleben, dass den grössten Einfluss von allen sonstigen ausgeübt hat’.“[4]

Dies ist die umgekehrte Frömmigkeit, die ebenfalls Frömmigkeit ist, eine Art fromme Anti-Frömmigkeit. Es ist die Frömmigkeit des Unternehmers. Ererklärt mit aller Frömmigkeit: „Die Parasiten, die ständig jede Zielvorstellung oder Vernunft vermeiden, kommen um, wie sie es verdienen“ und lebt seine grosse „Utopie der Gier“, wie Ayn Rand sie nennt. Man macht Geld, und nur Geld. Aber das ist nicht nur etwas Gutes für den Unternehmer. Es ist gleichzeitig der beste Dienst, den er für die Gesamtheit der Gesellschaft tun kann. Dies alles ist jetzt ganz einfach Nächstenliebe innerhalb dieser Welt der Frömmigkeit als Gier: endlich eine realistische Nächstenliebe. Die privaten Bürokratien der Privatunternehmungen sind jetzt sogar die Eigentümer der Nächstenliebe. Indem man gut seinen Vorteil kalkuliert, tut man dem Nächsten nur Gutes an, selbst wenn man ihn sterben macht und sterben lässt. Sie kommen eben um, wie sie es verdienen, wenn sie nicht fähig sind in diesen Wettlauf darum, Geld zu verdienen, zu gewinnen. Die Nächstenliebe ist jetzt ganz einfach nichts weiter als die andere Seite der Misshandlung der anderen. Selbst diese Misshandlung tut dem andern nur Gutes an, denn sie zwingt den anderen, entweder endlich auch selbst Geld zu verdienen oder eben zu Recht umzukommen.Geenspan, der grosse Bürokrat der FED, vermenschlicht die Welt dadurch, dass er jedes Menschenrecht abschafft. Als bedeutender Wirtschaftspolitiker spricht er ganz genau die gleiche Sprache wie die Gurus des Neoliberalismus, seien sie nun von Mises oder Hayek oder Milton Friedman. Alle sind grosse Meister und Heilige der Nächstenliebe, aber sie sind es, um mit Camdessus vom Weltwährungsfonds zu sprechen, endlich auf realistische Weise.

Naomi Klein fährt fort:

„Da Rand nichts mehr ist als eine billige Version von Adam Smith, suggeriert ihr Einfluss über Männer wie Greenspan eine interessante Möglichkeit. Vielleicht  ist die wirkliche Absicht.... die Unternehmer von allen Skrupeln zu befreien im Moment, in dem sie die am meisten egoistischenVorteile suchen während sie zugleich versichern,von einem globalen Altruismus  angetrieben zu sein; nicht also eine wirtschaftliche Philosophie, sondern ein Repertoire einer ausgearbeiteten retroaktiven Rationalisierung.“

Ich glaube allerdings, dass wir hier einen Schritt tun müssen, den Naomi Klein offensichtlich vermeiden möchte. Es handelt sich darum, dass diese Behauptung, dass alles doch eine simple Rationalisierung sein könnte, sehr unwahrscheinlich ist. Die Entwicklung dieser Frömmigkeit der Gier muss man meiner Ansicht nach direkt als die Konstituierung der Religion des Geldes und des Marktes sehen und nicht als ein „Repertoire einer ausgearbeiteten retroaktiven Rationalisierung“, die eine bewusste Konstruktion einer bewussten Fälschung und ein bewusster ideologischer Betrug sein würde. Aber es handelt sich meiner Ansicht nach um eine wirkliche Frömmigkeit, die man auf andere Weise erschafft.

Es handelt sich um eine Religion, die nicht reduzierbar ist auf eine Ideologie. Naomi Klein allerdings versucht, sie einfach zu reduzieren.  Aber es handelt sich um die Aneignung einer existenzialen Haltung, mit der ihr korrespondierenden Sicht der Wirklichkeit und die eben eine Religion ist. Als solcheine Religion, handelt es sich um einen nichtbewussten kategorialen Rahmen des Weltverständnisses. Und diese existenzialen Haltungen ändern sich normalerweise nur durch das, was wir den Prozess einer „Konversion“ oder „Bekehrung“ nennen können, die den Charakter einer religiösen Konversion hat. In diesem Sinne handelt es sich um die Umkehrung ins Gegenteil dessen, was man häufig eine „Metanoia“ nennt. Wenn etwa Nietzsche das, was er dann die ewige Wiederkehr des Gleichen nennt,zu entdecken glaubt, zeigt er es auch auf als eine perfekte religiöse Konversion, obwohl er sich darüber nicht klar zu sein scheint. Ebenso lässt Greenspan in seiner Autobiografie merken,, dass es sich eben um eine religiöse Konversion handelt, die von seinem Guru Ayn Rand und ihrer Heilsbotschaft ausgeht.

Auch Max Weber selbst erreicht es nicht, diese religiöse Konversion zu verstehen, die der Ausbildung des Unternehmers sehr häufig unterliegt. In seiner Analyse des Puritanismus vieler englischer Unternehmer des XVII und XVIII entgeht ihm gerade der wichtigste Teil der Konversion (Bekehrung) des Unternehmers. Max Weber stellt ins Zentrum seiner Analyse die Prädestination zusammen mit dem Glauben, dass der realisierte Unternehmergewinn ein Zeichen in der Wirklichkeit ist, der darauf hinweist, dass sich der Unternehmer als prädestiniert für die Erlösung betrachten kann.  Aber in Wirklichkeit scheint es sich um sehr viel mehr zu handeln. Dass der Gewinn diese Bedeutung hat, scheint mir nur erklärbar, wenn man voraussetzt, dass dieser Unternehmer den Markt Verinnerlicht hat als einen kalkulierbaren Mechanismus der Nächstenliebe, die eben als die erste Pflicht des Christen gilt kann. Diese puritanischen Unternehmer sind die ersten, die diese Nächstenliebe mittels des Marktes als Werkzeug als die Essenz des Christentums ansehen. Je höher der Gewinn, umso effizienter zeigt sich darin ihr Dienst an den Kunden als Liebe zum Nächsten. Für die Religion des Marktes  endet mit diesem Kalkül der Nächstenliebe die Jahrtausende alte Vorstellung der Nächstenliebe sowohl im Judaismus als auch im Christentum. Der Mensch ist in eine Maschine umgewandelt worden, die jetzt auch als Humankapital bezeichnet wird und die sich als Humankapital selbst kalkuliert als Träger der Nächstenliebe.

Die mörderische Frömmigkeit

Diese Frömmigkeit, wie wir sie beschrieben haben, hat allerdings noch eine andere Seite:

Im Jahre 1991 schrieb der Chef von Nestlé, Maucher, in der Zeitschrift der deutschen Unternehmern einen Artikel, in dem er erklärte, dass er Manager braucht mit „Killerinstinkt“.[5]

Etwa 20 Jahre später sprach der Präsident der Deutschen Bank in Argentinien, Marcelo Blanco, auf dem 6º South American Business Forum zu einer Gruppe von Studenten aus Venezuela, China, Argentinien, Brasilien, Südafrika und Kolumbien. Nachdem er persönliche Erfahrungen  seines Werdegangs kommentiert hatte, entwickelte er eine Serie von Punkten zur Vorbereitung für den Arbeitsmarkt, unter denen er einige Prinzipien vorstellt, um eine gute Karriere möglich zu machen:

„Suchen sie Rat und suchen sie einen guten Tutor für ihre Karriere. Knüpfen sie eine Beziehung zu einem möglichen Mentor, der allerdings nicht zu viel seniority haben sollte. Nehmen sie ihre Entscheidungen unter Wertegesichtspunkten. Sie solltensich nicht verführen lassen durch die Neonlichter. Bewerten sie sowohl den Erfolg als auch das Scheitern. Seien sie flexibel für  Veränderungen. Zeigen sie vom Anfang ihrer Geschäfte an einen Killerinstinkt.“[6]

Dieser Typ von Fömmigkeit ist tatsächlich genau das Gegenteil dessen, was wir normalerweise als Frömmigkeit beschreiben. Es handelt sich jetzt um eine Bedeutung von Fömmigkeit, die wir vielleicht mit der Frömmigkeit der Inquisitoren am Ende des Mittelalters, die mit aller Frömmigkeit und Nächstenliebe Hexen und Häretiker folterten und lebendig verbrannten. Auch hier erschien ein Killerinstinkt als integrales Elemente der Frömmigkeit. Wir können aufs neue den wohl bekanntesten Banker des XX. Jahrhunderts Greespanals gerade Konvertiertemzitieren: „Die Parasiten, die ständig jede Zielvorstellung oder Vernunft vermeiden, kommen um, wie sie es verdienen’“[7]

Auf diese Weise verwandelt sich die Selbst-Regulation des Marktes in eine Theodizee des Gottes Markt. Unsere wirtschaftliche Welt wird daher behauptet als die beste mögliche wirtschaftliche Welt. Es erscheint etwas wie eine Rückkehr zur Überzeugung davon, dass sich in unserer Welt eine praktische Vernunft realisiert; und diesgeht dann zurück auf die antike göttliche Vorsehung, die in den Marktregeln sich aufs neue gegenwärtig macht. 

Die gegenwärtige katastrophale Welt wird gefeuert als die „beste aller möglichen Welten und das, was oberflächlich gesehen eineWirtschaftsanalye ist, wird auf völlig heuchlerische Art zu einer moralischen, metaphysischen und theologischen Behauptung. Es handelt sich völlig sichtbar einfach um einen Betrug, der allerdings durchaus noch einen solchen Effekt haben könnte wie die Katastrophe des Erdbebens von Lisboadie im Jahre 1755 völlig den Optimismus der Aufklärung des XVIII. Jahrhunderts erschütterte und alle weiteren Versuche einer Theodizee untergrub. Heute ist diese Theodizee von der Art einer „oiko-dicea“, eine Theodizee der Wirtschaftswelt.[8]

Heute müssen wir ganz offensichtlich diese Diskussion wieder aufnehmen gegenüber der neoliberalen Religion des Marktes.

Die ethische Dimension der neoliberalen Religion des Marktes.

Unsere Diskussion hier ist nicht über Theologie, sondern ist Teil der Sozialwissenschaften. Sie ist es, weil sie ausgeht vom Humanismus der Praxis von Marx.  Sie kritisiert die Religion unter dem Gesichtspunkt dieses Humanismus. Daher kann ein Urteil folgen: ob eine Religion mit diesem Humanismus übereinstimmt oder nicht. Wenn nicht, ist die Religion falsch. Es handelt sich um ein Urteil im Namen der Sozialwissenschaften, wenn diese von der  Gültigkeit des Humanismus der Praxis ausgehen. Hier ist also das Kriterium der Wahrheit einer Religion der Humanismus der Praxis.

Dies bedeutet ebenfalls, dass unsere Analyse nicht so etwas haben kann wie den „wahren Gott“, in dessen Namen die anderen Götter als falsche Götter oder Idole erklärt werden. Unsere Analyse kann keinen wahren Gott haben, sondern nur einen Menschen, dessen Menschlichkeit auch das Kriterium für die Religionen ist. Es ist in Wirklichkeit ja das Kriterium für alles soziale Leben.

Aber es handelt sich eben doch um eine Kritik der Religion. Aber es muss sich um eine Kritik handeln, deren Ausgangspunkt die Sozialwissenschaften sind, nicht etwa die Theologie als theologisches Denken irgendeiner institutionalisierten Kirche. Wenn die Religionskritik theologisch ist, geschieht sehr leicht das was in der Eroberung Amerikas vom XV. Jahrhundert an geschah. Die europäischen Eroberer hatten ihren Gott und erklärten ihn zum wahren Gott. Sie sahen die Götter der amerikanischen Völker und Kulturen aus der Zeit vor der Eroberung und sie sahen, dass dies nicht Götter waren, die dem entsprachen, was ihr wahrer Gott war. Daher erklärten sie die Götter als falsche Götter und im Namen der Wahrheit ihres wahren Gottes begannen sie damit, diese Götter zu beseitigen und sie durch ihren Gott als wahrem Gott zu ersetzen. Dieser wahre Gott diente ihnen daher als Legitimation ihres Eroberungskrieges. Im Namen dieses Gottes wurden die Einwohner dieses Amerikas enteignet, sie wurden furchtbaren Zwangsarbeiten unterworfen, ihre Frauen wurden vergewaltigt. Tatsächlich wurden ein grosser Teil dieser Bevölkerungen ermordet. Die Religionskritik dieser Eroberer mündete in eine gigantisches Fest der Gewalt ein.

Im XX. Jahrhundert, das gerade vorbei ist, erlebte Lateinamerika eine ganz ähnliche Eroberung. Dieses Mal handelte es sich um die Verfolgung einer theologischen Linie ,die sehr gegenwärtig ist in Lateinamerika und die sich Befreiungstheologie nennt. Nelson Rockefeller als Vizepräsident der USA erklärte nach einer Reise nach Lateinamerika im Jahre 1978, dass diese Befreiungstheologie eine Gefahr für das Interesse war. Im Jahre 1980 folgte hierauf die Erklärung der Befreiungstheologie als Theologie eines falschen Gottes im Namen des wahren Gottes der CIA und der gesamten Politik der USA gegenüber Lateinamerika. Die entsprechende Erklärung führte den Namen Erklärung von Santa Fe.

Der Gott des Washington Consensus und der Neoliberalismus.

Gegen den Gott der Theologie der Befreiung wird jetzt der Gott des Konsens von Washington Consensus und der Politik der Globalisierung aufgestellt. Es ist der Gott der bedingungslosen Privatisierung und des „produktiven Kapitalismus“, der ganz offensichtlich der Gott der neoliberalen Religion des Marktes ist. Als wahrer Gott erklärt dieser Gott den Gott der Theologie der Befreiung als falschen Gott. Er erklärt, dass der Gott der Theologie der Befreiung mit Ideen operiert, die „weniger christlich als kommunistisch“ sind. Der dies sagt, ist der CIA und die Regierung der USA, die den wahren Gott von der neoliberalen Theologie des Marktes her haben. Wie die Eroberer von Amerika seit dem XV. Jahrhundert, erscheinen diese neuen Eroberer und erklären ganz ebenso ihren Krieg als einen Krieg ihrer Religion und der daher unbegrenzt legitim ist, ganz so, wie es die erste Eroberung Amerikas war. Es handelt sich um einen Bürgerkrieg, der von der Autorität her ausgerufen wurde und der im Namen eben der  neoliberalen Religion des Marktes ausgerufen wird. Daraus folgt, dass eben die neoliberale Religion des Marktes zum Kriterium  der Wahrheit aller Religionen ausgerufen wird und damit als Religion des einzig wahren Gottes gilt. Die Konsequenzen sind daher ganz ähnlich wie die Konsequenzen der Eroberung Amerikas im Namen des damaligen wahren Gottes waren. In diesem jetzigen Falle ergab sich eine der grossen Christenverfolgungen der menschlichen Geschichte mit tausenden von Toten und Gefolterten, unter ihnen mehrere Bischöfe, viele Priester und Nonnen, unter denen sich ebenfalls vergewaltigte Nonnen befanden. Die diesen Krieg machen sind vor allem die Geheimdienste der Regierung der USA und verschiedener lateinamerikanischen Staaten.[9] Die gesamte Aktion aber wurde für den gesamten Kontinent  durch die US-amerikanischen Geheimdienste und durch Herrn Kissinger koordiniert, der vorher bereits im Jahre 1973 den Friedens-Nobelpreis zugesprochen bekam.

Die Erklärung, auf der diese Gewaltanwendung beruhte, heisst Erklärung von Santa Fe. Diejenigen, die diesen Text manipulieren und die ebenso uns manipulieren wollen, behaupten natürlich, dass der Titel Santa Fe ganz einfach bedeutet, dass diese Erklärung in der Stadtveröffentlicht wurde,  die Santa Feheisst und sich daher keineswegs auf die SantaFe als solche bezieht. Daher bestehen sie darauf, dass diese Erklärung sich Erklärung von Santa Fe nennt, weil sie in der Stadt, die Santa Feheisst, abgegeben wurde.Dabei brauchen sie uns nicht die Tatsache zu offenbaren, dass diese Erklärung in der Stadt Santa Fe abgegeben wurde, damit sie dann Erklärung von Santa Feheissenkann, ohne dies anders begründen zu müssen. Man nennt daher diese Erklärung dieErklärung von Santa Fe ohne zu erklären dass sie eben als Erklärung von Santa Fe – also Erklärung des heiligen Glaubens – überhaupt beabsichtigt war und als solche zu verstehen ist. Daher bewegt sich die Erklärung des heiligen Glaubens der neoliberalen Religion des Marktes durch die ganze Welt ohne auch nur Zweifel zu erwecken.[10]

Diese Orientierung der Aktion gegen die Befreiungstheologie kommt also auch von der neoliberalen Religion des Marktes her. Aber sie gibt gleichzeitig ein Urteil über das Christentum ab. Das Christentum kann nur als legitime Religion gelten, wenn es mit der Theologie übereinstimmt, die aus der Religion des Marktes abgeleitet ist. Die Religion des Marktes wird als Religion über allenReligionen erklärt und beurteilt den Glauben aller anderen Religionen von dieser Religion des Marktes her. Diese Religionen sind legitim, wenn sie übereinstimmen mit diesem Kriterium. Wenn sie nicht damit übereinstimmen, gelten sie als illegitimer Glaube. Daher kann man in ihrem Namen sie sogar töten. Und man hat sie getötet, gefoltert, vergewaltigt, das heisst, man hat mit ihnen gemacht, was man nur wollte.  Die wahre Religion  des CIA urteilt über die falsche Religion der Befreiungstheologie. Und sie tut dies im Namen des Santa Fe.

Der Humanismus der Praxis

Wenn man hingegen vom Humanismus der Praxis ausgeht, so verwandelt sich dieses Praxis in das Kriterium der Unterscheidung von Religionen. Auf diese Weise ist das Kriterium zur Unterscheidung von Religionen keine religiöses Kriterium. Keine Religion kann der Masstab des Urteils über die Religionen sein.Stattdessen ist das Kriterium jetzt, wieweit der Humanismus der Praxis in dieser Religion gegenwärtig ist. Der Frage ist folglich: kann man auf menschliche Weise  mit dieser Religion  leben oder macht diese Religion ein menschliches Leben unmöglich? Das aber heisst: ist diese Religion mit einem Humanismus der Praxis vereinbar? Wahrscheinlich ist die Marktreligion die einzige, die unter keinen Umständen ein solch menschliches Leben möglich macht. Es handelt sich um die Kriterien, mit denen wir diese unsere Analyse begonnen haben. Es handelt sich um das Kriterium eines jeden Humanismus der Praxis, der behauptet, dass der Mensch das höchste Wesen für den Menschen ist. Daraus folgt: der Markt ist für den Menschen da, und nicht der Mensch für den Markt. Das Kapital ist für den Menschen dar und nicht der Mensch für das Kapital und seine Maximierung der Gewinne. Es handelt sich um ein Kriterium über die Institutionen, das eiínerseits eine Ethik impliziert. Was zu behaupten ist, ist,dass die Beziehung  zu den Institutionen nur in dem Fall rational ist, in dem sie sich am Humanismus der Praxis orientiert. Im  Falle des Gegenteils tritt eine Orientierung an der Selbstzerstörung des gesamten Gesellschaft an seine Stelle. Es folgt eine selbstmörderische Ethik. Die Ethik des Lebens wird aber wohl erst heute wirklich offensichtlich. Man muss sie der neoliberalen Marktethik gegenüber durchsetzen, die immer mehr zu einer Religion des Selbstmords wird. Darauf gibt es keine andere Antwort als eine Gesellschaft, in der gilt: der Mensch ist das höchste Wesen für den Menschen. Dieser Grundsatz hat sich heute verwandelt in die einzige Aussage über den Menschen, die das Leben zu bejahen vermag. Dieses Ergebnis wird gerade dadurch heute zwingend, weil die herrschende Globalisierungsstrategie gerade zu dieser Erkenntnis zwingt. Es handelt sich um ein Kriterium, das nicht nur bei Marx gilt, sondern in der traditionalen jüdischen Kultur und auch im frühen Christentum gegenwärtig ist. Marx hat es wiederentdeckt und weiterentwickelt und erreichte es, esin Beziehung auf die moderne Gesellschaft zu formulieren.[11]

Es handelt sich hier nicht um Werturteile im Sinne von Max Weber. Es handelt sich vielmehr um ein Sachurteil, das als ein solches Sachurteil zur Begründung einer Ethik des Lebens  dient. Max Weber  hat von solchen die Ethik konstituierenden Sachurteilen überhaupt noch keinen Begriff gehabt, sodass er gar nicht sah, dass es solche Urteile gibt. Max Weber will alle Sachurteile auf Zweck-Mittel-Argumente reduzieren. Max Weber analysiert ebenso wenig die grosse Bedeutung die für die heutige Sozialwissenschaft die Analyse des Selbstmords bekommen hat – sei dieser Selbstmord nun intentional oder nicht-intentional.

Diese anderen Sachurteile, die nicht Zweck-Mittel-Urteile sind, sind Leben-Tod-Urteile, die eine klare Gültigkeit in den Sozialwissenschaften haben, aber die nicht als solche thematisiert werden. In der Alltagssprache wird dieses Sachurteil folgendermassen aufgezeigt: Du darfst nicht den Ast des Baumes absägen, auf dem du sitzt. Es ergibt sich  ein Sollen, das keine Werturtel ist  in dem Sinne, in dem Max Weber diesen Begriff benutzt. Es ist ein Sollen, das einfach nur dadurch Gültigkeit bekommt, dass wir den Selbstmord ausschliessen. Es scheint also eine Alternative zu geben. Aber wenn die einzige Alternative der Selbstmord ist, so ergibt sich mit dem Selbstmord eine Alternative, die gar keine Alternative ist. Marx gibt in seinem Kapital  ein solches Sachurteil, das heute weitgehend akzeptiert ist.

„Die kapitalistische Produktion entwickelt daher nur die Technik und Kombination des gesellschaftlichen Produktionsprozesses, indem sie zugleich die Springquellen alles Reichtums untergräbt: die Erde und den Arbeiter." (Karl Marx, Das Kapital, III, MEW, 23, S. 528/530.)

Was Marx hier in den Mittelpunkt stellt, ist die Leben-Tod- Beziehung und geht damit über die Webersche Reduzierung der Rationalität auf reine Zweck-Mittel-Beziehungen hinaus. Marx behauptet, dass der Kapitalismus selbstmörderisch ist und dass es daher notwendig ist, ihn zu überwinden. Er sieht sehr klar diesen selbstmörderischen Charakter des Kapitalismus und sieht,unter der Bedingung, dass wir weiterleben wollen und daher auf die Möglichkeit des Selbstmords verzichten wollen, die Unvermeidlichkeit eines radikalen Wandels. Tatsächlich sind wir dabei, den Ast des Baumes abzusägen, auf dem wir sitzen.  Ich glaube, dass wir die Formulierung des Problems, das Marx hier sieht, etwas umformulieren sollten. Es geht dann darum, dass wir, indem wir den heutigen extremen Kapitalismus weiterführen - und das ist eben der neoliberale Kapitalismus – den Ast des Baumes absägen, auf dem wir sitzen. Nach Marx sind wir dabei, die Springquellen alles Reichtums zu untergraben, nämlich die Erde und den Arbeiter. Diese Marxsche These ist natürlich gar kein Determinismus, wie oft behauptet wird. Er zeigt uns einen Weg auf, den wir gehen müssen, wenn wir nicht untergehen wollen. Das ist kein Determinismus, sonderndas Aufzeigen einer Alternative zum kollektiven Selbstmord der Menschheit, der zur Zeit im Gange ist. Das was Marx hier vorstellt, ist heute weitgehend akzeptiert, obwohl es sich als ganz äusserst schwierig erweist, tatsächlich einen andern Weg zu gehen. Selbst die Form, das Problem auszudrücken. Ist häufig sehr ambivalent. Aber es wird hierbei trotz allem sehr klar sichtbar, dass die neoliberale Religion des Marktes ganz offensichlich selbstmörderisch ist. Ausdiesem Grunde verstehen sich ja die neoliberalen Ideologen besonders in der Regierungszeit von Reagan, so ausgezeichnet mit den apokalyptischen fundamentalistischen Sekten der USA, die die gleiche Vision eines kollektiven Selbstmords haben wie ihn die neoliberale Religion des Marktes hat. Es handelt sich um eine religiöse Allianz  in Richtung auf den kollektiven Selbstmord hin wie er von der neoliberalen Religion des Marktes ebenso akzeptiert wird. Diese religiöse Allianz auf den kollektiven Selbstmord der Menschheit hin hat sich bereits in dem Jahrzehnt vor dem Regierungsantritt Reagans im Jahre 1980 ergeben und führte zur Übernahme der Regierung durch Reagan.

Der Marxismus der marxistischen Orthodoxie des XX. Jahrhunderts hat sichweitgehend der Reduzierung der Rationalität auf reine Zweck-Mittel-Rationalität unterworfen. Er hat damit ganz wichtige Dimensionen des Marxschen Denkens verloren, insbesondere die Mehrwerttheorie und die Arbeitswertlehre. Beide sind überhaupt nur verständlich, wenn man von der Rationalität als Leben-Tod-Beziehung ausgeht. Es ist daher unbedingt nötig, diesen Ausgangspunkt zurückzugewinnen. Denn es geht nicht einfach darum, ob eine bestimmte Theorie „richtig“ ist oder nicht. Es geht nämlich darum, ob man weiterleben kann, wenn man sie im menschlichen Handeln als richtig behandelt.[12] Kann man das nicht, dann  ist sie falsch, auch wenn Sozialwissenschaft wie Max Weber sie für richtig erklären.

Heute müssten sich die Sozialwissenschaften an eine solche Position annähern, wie ich sie hier aufzeige. Aber das geschieht nur in einzelnen Fällen. Dennoch präsentieren heutigen Sozialwissenschaften sich als objektive Wissenschaften. Aber es kann doch wohl heute keine wissenschaftliche Objektivität geben ohne eine solche Tendenz zum Selbstmord der modernen Gesellschaft aufzuzeigen. Sie ist eine objektive Tatsache. Daher haben diese Wissenschaften nur eine ganz beschränkte Objektivität. Diese Wissenschaften können mit ihren völlig partialen Kriterien nur bestimmte Entscheidungen Mittel-Zweckbeleuchten, die unsere Situation von Leben-Tod völlig beiseite lassen, der gegenüber wir uns aber verteidigen müssen. Wenn wir uns dann wie Heidegger als „Sein zum Tode“ auffassen, dann ist eben nichts zu machen und wir können uns darauf beschränken, ein weiteres Buch von Cioran zu lesen. Aber wir können ganz ebenso Houellebecq und einige andere lesen. Unsere Kultur scheint heute die Option für den kollektiven Selbstmord der Menschheitzu treffen, um sich darin aufzulösen. Wir dürfen eben nicht mehr übersehen, dass die zur Frömmigkeitsbeziehung gewordene Gier unsere Option für den kollektiven Selbstmord impliziert. Wenn wir uns stattdessen endlich wieder als „Sein zum Leben“, das vom Tode durchzogen ist,auffassen, dann müssen wir eben alles nur mögliche tun, um als Menschheit und das heisst als alle  zusammen zu überleben.

 Das Forschungsprojekt

Unser Plan ist, diese Problematik in einem Projekt von mindestens 3 Jahren zu entwickeln. Dieses Projekt soll verwirklicht werden in dem institutionellen Rahmen der Asociación Pensamiento Crítico (gemeinnütziger Verein)

Im Laufe dieses Projekts können wir eine Veröffentlichung verschiedener Autoren über das Thema des Projekts vorbereiten, die wir möglicherweise Ende des nächsten Jahres (2017) herausgeben können.


[1] Der Grösste Mord-Selbstmord in dieser modernen Geschichte geschah in Guayanas im November 1978 von Seiten einer Sekte aus den USA unter ihrem Pastor  Jim Jones. Dieser Mord-Selbstmord  erfasste insgesamt 918 Tote

[2] Hayek, Friedrich A.: The fatal conceit: The Error of Socialism. Thecollected Works of Friedrich AugustHayek, Volume I Chicago UniversityPress, 1988 S. 72/73

[3]Autobiografiue, von Alan Greenspan: TheAge of Turbulence: Adventures in a New World. PenguinPress  2007

[4] siehe www.sinpermiso.info/textos/cree-realmente-la-derecha-en-lo-que-dice7 oct. 2007

(Glaubt die Rechtewirklich an das was siesagt?)

[5] Zeitschrift Arbeitgeber, 1/91. GemässSpieler, Willy: Liberale Wirtschaftsordnung – Freiheit für die Starken? In: Neue Wege. September 2002, Zürich

[7] Naomi Klein in folgendem Text: www.sinpermiso.info/textos/cree-realmente-la-derecha-en-lo-que-dice7 oct. 2007.

[8]siehe Joseph Vogl: Das seltsameÜberleben der Theodizee in der Ökonomie. Ein Vortrag in der Humboldt-Universität in Berlin am 7.7.2016. Weitere Informationen: www.mosse-lectures.de

[9] Aber sie operieren im Namen des Christentums. Die Geschichte des Christentums ist voll von Verfolgungen, in denen Christen andere Christen verfolgen und dies dadurch rechtfertigen, dass die andern Häretiker seien. Es handelt sich um etwas, das bereits im I. Jahrhundert vorhergesehen wurde. Der Evangelist Johannes lässt Jesus sagen: “Ja es kommt die Stunde, wo jeder, der euch tötet, Gott damit einen heiligen Dienst zu erweisen glaubt” (Joh 16,2)

[10] Es handelt sich darum, im Namen der Wahrheit zu lügen. Es gibt viele Beispiele hierfür. Ein weiteres ist der Abrams tank. Man behauptet, er sei nach einem General Creighton Abrams genannt. Aber das ist nur das Versteck. Es ist die Wahrheit, mit deren Hilfe man lügt. Einen Tank Abrams tank zu nennen, hat mit Abraham zu tun. Statt einen Abraham zu haben, der nicht getötet hat, hat man ihn durch einen Abrams tank ersetzt, der  brutales Kriegsmittel ist. Was geändert wird, ist genau die Bedeutung des Namens Abraham. Und die soll eben geändert werden.

Unsere Marktreligion braucht einen Abraham, der ein mörderischer Krieger ist. Denn die Marktreligion bedeutet Krieg. Folglich, soweit sie in sich als christlich verstehenden Länder herrscht, muss alle christliche und jüdischen Tradition in eine ausschliessliche Tradition des Krieges verwandelt werden.

„The M1 Abrams is an American third-generationmain battle tank. It is named after GeneralCreighton Abrams, former Army chief of staff and commander of United States military forces in the Vietnam War from 1968 to 1972.“ https://en.wikipedia.org/wiki/M1_Abrams

[11]  Heute denkt auch der gegenwärtige Papst in dieser Richtung. Er antwortet auf die Frage nach der angeblichen Aggressivität  des Islams:

„Der Terrorismus ist überall gegenwärtig... Der Terrorismus nimmt zu, wenn keine andere Option sichtbar ist. Jetzt möchte ich noch etwas sagen, das gefährlich sein könnte.... Aber wenn man in das Zentrum der Weltwirtschaft das Geld als Gott stellt und nicht den Mann und die Frau, so ist dies der erste Terrorismus. Du hast das Wunder der Natur verstossen und hast ins Zentrum das Geld gesetzt. Dies ist der erste grundlegende Terrorismus... denken wir daran.

Siehe: http://www.lastampa.it/2016/07/31/vaticaninsider/es/vaticano/el-papa-no-es-justo-decir-que-el-islam-es-terrorista-5KElkgpUC83QMLCxzhRbuM/pagina.html

[12] Siehe hierzu das Kapitel I: DieIrrationalität des Rationalisierten: Methodologische Anmerkungen zur instrumentalen Rationalität und zu ihrer Totalisierung in Hinkelammert, Franz J.: Das Subjekt und das Gesetz. Die Wiederkehr des verdrängten Subjekts. Edition ITP-Kompass. Münster, 2007 Siehe hierzu ebenfalls: Dussel, Enrique: Filosofías del sur. Descolonización y transmodernidad. Akal. México 2015

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