Franz Hinkelammert

Ein Versuch

Wir sind bisher vom Kalkül des eigenen Nutzens ausgegangen. Es ist aber notwendig diesen Begriff auszuweiten. Es handelt sich nicht um etwas, das man ganz einfach als Egoismus in irgendeinem moralischen Sinne interpretieren könnte. Es handelt sich also nicht um den einfachen Vorwurf im Sinne der Moralina, von der Nietzsche spricht. Man kalkuliert ja auch den Nutzen von etwas, das man verschenken will.

Dieser Kalkül des eigenen Nutzens setzt die Quantifizierung der kalkulierten Elemente voraus, damit er wirklich ein quantitativer Nutzenkalkül sein kann. Daher setzt er Warenbeziehungen und Geld voraus. Das Geld ist fähig alles auf der Welt in Objekt dieses Kalküls zu verwandeln, alles zu nivellieren, ein wahrer Leveller. Daher kann selbst die Ehre und jedes heilige Objekt in Objekt des Kalküls verandelt werden, sofern man ihm einen Preis gibt.

Die Verallgemeinerung des Kalküls des eigenen Nutzens.

Diese Art Kalkül verallgemeinert sich in einem bestimmten historischen Moment. Er setzt ganz allgemein gewordene Warenbeziehungen voraus, setzt aber ebenfalls ein Subjekt für diesen Kalkül voraus, das fähig ist, jedes nur mögliche Objekt zu einem Objekt des Nutzenkalküls zu machen.[1]

Dieser historische Moment ergibt sich in der Zeit der Renaissance, im XIV bis XVI Jahrhundert. Ich will dies nicht an Hand der Philosophie der Renaissance zeigen, sondern von einer Sozialtechnik aus, die die gesamte Wirtschaft revolutioniert und die eine Grundlage für die gesamte moderne Gesellschaft ist. Diese Sozialtechnik ergibt sich mit der italienischen Buchführung, vom XV Jahrhundert an, vor allem in den Städten Venedig und Florenz. Es ergibt sich die Bilanz mit ihrem “Deber” und “haber” und der dementsprechene Kalkül von Einnahmen, Ausgaben, Verlusten und Gewinnen. Heute hat sie den Namen “doppelte Buchführung”. Goethe spricht im Wilhelm Meister von dieser italienischen Buchführung, indem er sagt, dass es zwei grosse Erfindungen in der Menschheitsgeschichte gibt, die erste sei das Rad und die zweite die Erfindung der italienischen Buchführung.

Mit dieser doppelten Buchführung erntsteht eine neue Weltvorstellung, die die Moderne charakterisiert. Es ist die Weltvorstellung als Funktionsmechanismus. Dies ist ein Mechanismus, der immer kreisläufig ist.

Sie entsteht in der Unternehmung mit ihrem Kosten- und Nutzenkalkül. Die Unternehmung kauft, um zu produzieren, inputs. Auf der andern Seite, produziert Produkte als outputs und deren Verkauf ihre Einnahmen ausmachen. Der Gewinn (oder Verlust) ergibt sich aus der Differenz zwischen Kosten und Einnahmen. Dies ist ein Kreislauf. Die Verkäufe erbringen die Einnahmen und machen dadurch möglich, den Kauf der nötigen inputs zu finanzieren, die wiederum die Produktion der Produkte für den Verkauf ermöglichen. Wenn es keine inputs gibt, gibt es auch keine Produkte als output, und wenn es keine outputs gibt, gibt es auch keine inputs. Dies ist der Kreislauf input-output, der gleichzeitig ein Zweck-Mittel-Kreislauf ist.

Diese Unternehmung ist ein Funtionsmechanismus in einem Markt der die Bedingung der Möglichkeit dafür ist, dass die Unternehmungen als solche funtionieren können. In diesem Sinne ist der Markt ein Funktionsmechanismus zweiter Ordnung, der gesichert wird durch die Umformung des Staates in einen Garanten für die Regeln, die der gesamte Mechanismus entwickelt und die das Rechtssystem des bürgerlichen Gesetzbuches ausmachen.

In der Unternehmung als Funktionsmechanismus kann sich jetzt die Maximisierung des Gewinns völlig formalisieren und die gesamte Gesellschaft mitreissen; die dadurch erzeugte Bewegung wird dann Fortschritt genannt, der als unendlicher Fortschritt konzipiert und mythisiert wird.

Diese Funktionsmechanismen sind notwendig ein Kreislauf und in diesen Kreislauf wird jetzt die gesamte Gesellschaft und schliesslich die Welt insgesamt eingeschrieben. Daher erscheinen in eben dieser Zeit eine grosse Zahl weiterer Kreisläufe, die sich als Funktionsmechanismen entpuppen: so etwa in einem ganz anderen Gebiet der Butkreislauf, der im XVI Jahrhundert entwickelt wird und seine definitive Formulierung bei William Harvey im Jahre 1628 findet. Dieser Kreislauf selbst ist dann in einen viel grösseren Raum eingeschrieben als Stoffwechselkreislauf zwiischen den Lebewesen und der gesamten Natur.

Dies enthüllt eine sehr erweiterte Dimension des Nutzenkalküls. Jetzt wird dieser Kalkül völlig formalisiert innerhalb der Vorstellung von diesen Funktionsmechanismen. Das bedeutet, dass das Neue nicht einfach in der Entdeckung dieser Kreisläufe besteht, sondern darin, dass der Kalkül  jetzt die Form solcher Funktionsmechanismen annimmt und dadurch formalisiert wird. Im Falle der Unternehmung setzt dies die Möglichkeit des Geldkalküls voraus, der es ermöglicht, alle Elemente des Handelns auf Quantitäten zu reduzieren Was eben die Bedingung der Möglichkeit für einen Maximisierungskalkül ist. Es gibt zwischen den einzelnen Positionen keine qualitativen Unterschiede mehr, alles ist auf Unterschiede in der Quantität reduziert.

Damit ergibt sich eine Weltvorstellung, die darin besteht, die gesamte Welt und alle ihre Teile als Funktionsmechanismus zu verstehen. Natürlich ist es nicht die Entdeckung dieser Art von Reduktion der Welt auf reine Funktionsmechanismen, die diese neue Vorstellung schafft.  Man muss diese neue Vorstellung der Welt bereits haben, um diese Sicht der Welt als Funktionsmechanismus in Sozialtechnik verwandeln zu können, um dann diese Vorstellung wiederum aus diesen Sozialtechniken verstehen zu können.

Um zu sehen, was hier geschehen ist, müssen wir uns weiter fragen, was diese Vorstellung der Welt eigentlich ist. Sie hat ihren besten Ausdruck in dem Kosten- und Gewinnkalkül der neuen kapitalistischen Unternehmung gefunden. In diesem Kalkül, der notwendig Geldkalkül ist, werden alle qualitativen Unterschiede zwischen Menschen, Tieren und der sie umgebenden Natur ausgelöscht. Alles wird auf Quantitäten von Geld reduziert und in diesem Sinne gleich gemacht und in Objekt des Kalküls verwandelt. In diesem Sinne handelt es sich darum, alles disponibel und verfügbar zu machen im Sinne dieses Kalküls. Daher entspricht diesem historischen Moment die Erklärung der absoluten Verfügbarkeit aller Elemente der Welt unter dem Gesichtspunkt der menschlichen Aktion innerhalb dieser Funktionsmechanismen.

In diesem Kalkül von Kosten und Gewinn stehen alle inputs (und ihre Kosten) auf der gleichen Ebene der quantitativen Gleichheit: sowohl die materiellen inputs wie auch die Arbeitszeit. Sie können daher unbegrenzt gegeneinander substituiert werden. Ausserdem wird alle Arbeit in diesen Nivellierungsprozess einbezogen, nicht nur die Lohnarbeit. Auch der “Unternehmerlohn” erscheint neben den Arbeitslöhnen und aller Entgelt der menschlichen Arbeit auf dem gleichen Niveau wie ein Stück Holz, die Arbeitstiere, das Wasser (wenn es Geldkosten hat), die Minerale wie der Kupfer oder das Eisen usw. Alles ist gleich und steht gleicherweise zur Verfügung. Auf der andern Seite der Bilanz erscheinen die Einnahmen der Unternehmer ebenfalls in Geldausdrücken.  Gemäss der Zusammensetzung der inputs und gemäss den angewandten Techniken ist ihre Grösse variabel. Daher kann man davon ausgehend einen Maximierungskalkül machen. Die Maschine kann jetzt ohne jede qualitative Grenze die menschliche Arbeit ersetzen. Auch der Unternehmerlohn erscheint rein als Quantität neben den Löhnen der Arbeiter, obwohl er quantitativ viel höher ist. Aber die Differenz ist nur quantitativ. Alles sind Mittel für das Ziel der Maximisierung und aller Gewinn ist Mittel der Akkumulation im Prozess des jeweiligen Funktionsmechanismus. Es ergibt sich eine unerhörte Dynamik.

Es handelt sich um eine historische Neuheit. Vorhergehende Gesellschaften waren unfähig, einen solch zynischen Kalkül auf universaler Ebene zu machen. Obwohl solche Kalküle an bestimmten Stellen entstehen, stossen die Tendenzen zu ihrer Universalisierung immer auf Verurteilungen und Widerstände, die sie nicht überwinden können. Eine solche Kritik ist etwa die aristotelische Kritik der Krematistik. In diesen Gesellschaften ergeben sich Widerstände, die nicht überwunden werden können.

Im XIX Jahrhundert tritt immer wieder die Frage auf, warum etwa in der römischen Antike nicht der Kapitalismus entstanden ist, obwohl es doch bereits verallgemeinerte Warenbeziehungen, ein formales Recht und einen Staat gab, der weitgehend schon ein Rechtsstaat war. Es ergaben sich dabei verschiedenste Hypothesen. Diejenige, die mich am meisten überzeugt, ist die von Friedrich Engels. Dieser argumentierte, dass der Grund sei, dass diese Gesellschaften noch keine Praxis hatten, die die abstrakte Gleichheit unter den Menschen einschloss. In diesem Sinne, war ganz generell die Sklaverei und die damit verbundene als wesentlich angesehener Ungleichheit allgemein akzeptiert, was eben eine nicht überschreitbare Grenze für die Möglichkeit des Kapitalismus einschloss. Ich glaube, dass man dieses Argument noch ausweiten kann. Was es noch nicht gab, war die Fähigkeit, die gesamte Welt  und alle Menschen ohne jede qualitative Differenz als verfügbar für den Nutzenkalkül zu sehen. Es war nicht denkbar das Einkommen des Aristokraten als einfach quantitativ verschieden von den Kosten der Unterhaltung eines Sklaven zu verstehen. Das ist so, wie wir nicht die Lohnarbeit gleichsetzen können mit der Arbeit eines Pferdes. Etwa so wird man über den Sklaven gedacht haben. Was man aber nicht einmal denken kann, kann man auch nicht machen. Etwas ähnliches gilt dann auch für das Verhältnis zur Natur. Man kann sie nicht als abstrakt verfügbar denken. Es gibt schliesslich für diese Kulturen heilige Orte, und es gibt Seele im Inneren der Natur.

Dies zeigt dann auf, dass sich im Mittelalter eine Veränderung in diesen Beziehungen vorbereitete, die dann diese Verhältnisse anders zu denken erlaubte. Ich glaube, dass sich die neue Vorstellung von der Welt mit dem Christentum, und zwar gerade in seiner orthodoxen, von Augustinus begründeten Form ergeben hat, die ein Subjekt hervorbrachte, das diesen Übergang zur Moderne im XIV bis XVI Jahrhundert durchsetzte. Tatsächlich finden wir bei Augustinus die erste Formulierung eines perfekten Funktionsmechanismus, den Augustinus als menschliches Leben im Himmel post mortem beschreibt.[2] Die christliche Antikörperlichkeit, die daraus folgt, ist nicht als solche antikörperlich, sondern die Verurteilung des wirklichen Körpers im Namen eines idealen Körpers, der ein perfekter Funktionsmechanismus für die Seele ist. Der ideale Körper ist ein Körper, der ganz perfekt den Willen der Seele tut und daher perfekt das Gesetz erfüllt. Dies ist bereits ein perfekter Funktionsmechanismus und wahrscheinlich das erste Mal, dass er konzipiert wird. Aber er wird im Himmel konzipiert und es dauert fast 1000 Jahre, bis dieses Ideal in idealen irdischen Funkionsmechanismen vorgestellt wird. Aber in diesen 1000 Jahren wird das Subjekt hervorgebracht, das zum Träger dieser Funktionsmechanismen wird und mit ihrer Hilfe die ganze Welt umkrempelt. Dies ist die Kulturrevolution, die zur Moderne führt.

Es ist ein Subjekt, das den wirklichen Menschen verachtet im Namen eines idealen Menschen, der ideal funktioniert. In der neoklassischen Wirtschaftslehre nennt sich dieses Subjekt homo economicus, der sich als Humankapital weiss.

Dieses Entstehen der Funktionsmechanismen gibt dem Kalkül des eigenen Nutzens eine neue Spezifizierung. Es ergibt sich jetzt der Kalkül der Perfektionierung dieser Mechanismen und diese Perfektionierung heisst jetzt Effizienz. Er tritt auf als Kalkül der Effizienz in Orientierung auf die Perfektionierung der Funktionsmechanismen, der mit dem Kalkül von Kosten und Gewinn operiert. Er entsteht von der wirtschaftlichen Unternehmung aus, aber transformiert alle Institutionen. Alle Institutionen werden jetzt als Funktionsmechanismen gesehen, die zu perfektionieren sind. Nicht nur die Unternehmung: auch der Staat, auch der Sportklub, auch die Kirchen, auch die Familienhaushalte werden davon durchdrungen. Auch jedes Individuum in seinen Beziehungen zur Welt kalkuliert seine Lebensmöglichkeiten auf der Basis von Kosten und Gewinn und verwandelt sich so in Humankapital für sich und für die anderen.

Diese Funktionsmechanismen bekommen damit eine eigene Subjektivität. Die Unternehmung bezahlt ihre Rechnungen. Auch wenn die Unternehmung  persönliches Eigentum des Unternehmers ist, bezieht auch der Eigentümer sein Einkommen von seiner Unternehmung.  Er unterschreibt die Zahlungsanordnung mit seinem Namen, aber sie wird von der Unternehmung bezahlt. So steht es in der Buchhaltung. Im Fall der Aktiengesellschaften ist dies dann sehr viel leichter sichtbar. Immer ist der, der zahlt, ein Funktionsmechanismus, der in diesem Fall die Unternehmung ist, obwohl es immer ein menschliches Subjekt ist, das die Zahlungsanordnung unterschreibt. Die Unternehmung bezahlt und dafür muss sie juristische Person sein. Als solche steht sie dem Eigentümer gegenüber.

Der Nutzenkalkül des Unternehmers ist ein Effizienzkalkül der Unternehmung, die er leitet, sei es als Eigentümer oder als Geschäftsführer, Manager. Aber immer verdoppelt sich das Subjekt des Kalküls. Immer gibt es ein menschliches Subjekt, das seinen eigenen Nutzen kalkuliert. Aber es tut das mittels des Kalküls der Effizienz der Unternehmung, die es leitet, obwohl es selbst es ist, das diesen Kalkül der Effizienz durchführt. Aber immer tut es dies im Namen des anderen Subjekts, das der Funktionsmechanismus ist.

Daher versteht sich der Unternehmer als die Stütze der Unternehmung, die er leitet, in deren Dienst er sich befindet und der er dient, indem er seinen Nutzen kalkuliert mittels des Kalküls der Effizienz der Unternehmung, der er zu Dienste ist. Auch wenn er Unternehmer ist, ist er doch nicht der Herr. Er befindet sich im Dienst der Unternehmung, deren Effizienz er kalkuliert und sichert. Durch diesen Kalkül hindurch, gibt die Unternehmung die Anordnungen, denen der Unternehmer zu folgen hat. Der Nutzenkalkül hat sich  in ein Gesetz verwandelt, das die Unternehmung diktiert und dem alle unterworfen sind, einschliesslich des Unternehmers. Alle gehorchen diesem höheren Willen, der sich durch den Kalkül der Effizienz ausdrückt und der demütige Unterwerfung fordert. Wenn sie religiös sind oder gar Puritaner, erfahren sie diesen Willen als Willen Gottes. Und tatsächlich handelt es sich um einen Willen aus der Überwelt der Unternehmungen.

Ich möchte jetzt zeigen, wie diese Weltsicht in der Philosophie auftaucht. Ich will zuerst Wittgensein aus seinem berühmten Vortrag über Ethik aus dem Jahre 1929:

"Angenommen, einer von Ihnen wäre allwissend; er kennt also die Bewegungen aller toten oder lebendigen Körper in der Welt, und er kennt auch sämtliche Bewußtseinszustände aller Menschen, die je gelebt haben, und falls er alles, was er weiß, in ein großes Buch eintrüge, so enthielte dieses Buch die gesamte Beschreibung der Welt. Ich möchte nun darauf hinaus, daß dieses Buch nichts enthielte, was wir ein ethisches Urteil nennen würden, bzw. nichts, was ein solches Urteil logisch implizierte. Freilich enthielte es alle relativen Werturteile sowie alle wahren wissenschaftlichen Sätze und sogar alle wahren Aussagen, die sich überhaupt artikulieren lassen....

Wenn wir z.B. in unserem Welt-Buch die Schilderung eines Mordes mit sämtlichen physischen und psychischen Einzelheiten lesen, wird die bloße Beschreibung dieser Fakten nichts enthalten, was wir als ethischen Satz bezeichnen könnten. Der Mord wird auf genau derselben Ebene stehen wie jedes sonstige Ereignis, etwa das Fallen eines Steins." Vortrag über Ethik.[3]

Die Weltsicht die Wittgenstein hier vorstellt und die er einem allwissenden Wesen zuschreibt, ist unmittelbar einsichtig. Es ist sehr offensichtlich, dass es die Weltsicht ist, zu der man kommt, wenn man die Welt durch die Brille der italienischen Buchführung hindurch sieht. Diese Weltsicht einem allwissenden Wesen zuzuschreiben, ist völlig überflüssig, wird aber verständlich, wenn man sie auf diese Buchführung als perfektem Funktionsmechanismus bezieht. Damit sie perfekt gedacht werden kann, braucht man tatsächlich ein solches allwissendes Wesen einführen. Es handelt sich um die Weltsicht, die sich ergibt, wenn man diese unter dem Gesichtspunkt eines absoluten Nutzenkalküls und der Effizienz sieht. Für diese Weltsicht gibt es tatsächlich keinen Unterschied zwischen einem Mord und dem Fallen eines Steins. Wittgenstein sieht überhaupt nicht, dass es sich um diese Weltsicht handelt und ist dafür völlig blind und hält sie für die einzig objektive Form die Welt zu sehen. Er spricht dann in hohen Tönen von der Ethik, aber sieht sie als etwas transzendentes an ohne Relevanz für die Wirklichkeit. Die Wirklichkeit, die er sieht, ist nackt, primitiv und darüberhinaus banal. Eine andere als diese Wirklichkeit gibt es für Wittgenstein einfach nicht. Sie ist die Wirklichkeit dessen, was man die analytische Philosophie nennt.[4]

Sieht man die Welt aus dieser Sicht, dann gibt es auch keinen Unterschied zwischen einem Vernichtungslager wie Auschwitz und einer Schule, zwischen einem Panzerwagen und einem Getreidevorrat, zwischen einem Mord und dem Fallen eines Steins. Alles, selbst die analytische Philosophie, reduziert sich auf Banalität und sonst nichts. Es ist dann wirklich so: das banale Böse setzt die Welt als banale Welt und eine banale Philosophie voraus.

Heidegger macht diese Analyse im gleichen Sinne, wobei diese Analyse gleichzeitig von einem Horror durchdrungen ist:

"Ackerbau ist jetzt motorisierte Ernährungsindustrie, im Wesen das Selbe wie die Fabrikation von Leichen in Gaskammern und Vernichtungslagern, das Selbe wie die Blockade und Aushungerung von Ländern, das Selbe wie die Fabrikation von Wasserstoffbomben."[5]

Im Unterschied zu Wittgenstein, spürt man bei Heidegger einen gewissen Horror. Er hat auch ein Konzept, das unserem Konzept des Funktiosnmechanismus ähnlich ist. Aber es ist völlig begrenzt auf Technologien des Ingenieurswesens. Es ist daher statisch und kennt keine Dynamik. Er sagt aber das gleiche wie Wittgenstein. Aber für Wittgenstein handelt es sich um die Wahrheit der Welt überhaupt in einem geradezu metaphysischen Sinne. Von seinem Elfenbeinturm her merkt er nicht einmal, was er sagt.

Heidegger ist wegen dieser zitierten Worte oft kritisiert worden. Hingegen habe ich keine Kritik an den zitierten Worten von Wittgenstein finden können, obwohl er doch dasselbe sagt.

Der juristische Positivismus spricht im gleichen Sinne. Was nicht verboten ist, ist erlaubt und ist daher nichts böses. Dass etwas böse ist, ist einfach eine willkürkliche menschliche Entscheidung, für die es keine Gründe gibt.

Es gibt eine Anekdote über Hegel. In einer Diskussion brachte einer der Teilnehmer die These vor, dass das Verbotene etwas Böses ist deshalb, weil es verboten ist und dass, was nicht verboten ist, niemals etwas böses sein kann. Hegel antwortete: würdest Du Deinen Vater ermorden, wenn es nicht verboten wäre?

Dasselbe würde er auch gegenüber Wittgensein sagen.

Dieser Gesichtspunkt der banalen Wirklichkeit schliesst keineswegs eine Ethik aus. Aber die Ethik, die er vertreten kann, ist immer eine Ethik, die den Funktionsmechanismen implicit ist. Ohne Warenbeziehungen gibt es keinen Nutzenkalkül und ist auch keine Effizienz formulierbar. Aber es gibt keinen Markt ohne Marktethik. Jeder Funktionsmechanismus entwickelt in seinem Inneren eine Bürokratie. Aber jede Bürokratie impliziert eine Ethik der Bürokratie. Daher vertritt auch Max Weber diese beiden Ethiken als Teil der Wissenschaft und er vertritt sie ausdrücklich als Teil der Wirklichkeit. Sie enthalten keine materialen Werturteile. Aber Weber analysiert nie ausdrucklich die Konsequenzen die dies für seine Methodologie der Wissenschaft hat.[6]

Aber diese Ethiken sind funktional und können daher nicht über die Resultate des Effizienzkalküls urteilen. Die Resultate unterliegen keiner Ethik, nur das Funktionieren wird beurteilt und perfektioniert. Es sind Ethiken des Typs, die Platon die Ethik der Räuberbande nennt.

Zygmunt Baumann, interpretiert in seinem Buch: Moderne und Holocaust (1987) - das ich für eines der bemerkenswertesten Bücher über diesen Schrecken betrachte – die Vernichtungslager des deutschen Nazismus als Funktionsmechanismen, die sich in einem Prozess ständiger Perfektion befinden. Das Ziel ist: Tote zu produzieren und ihre Leichen zu beseitigen. Aber, gemäss Baumann, kann man eben im Licht dieses Effizienzkalüls keine Ziele unterscheiden oder bewerten: der Mord unterscheidet sich nicht vom Fallen eines Steins. Aber es gibt ein anderes Unterscheidungskriterium: …man kann das Funktionieren ständig perfektionieren. Die Techniker machen den Plan, die Unternehmen produzieren die Installationen und das Gift, die Arbeiter machen ihre Arbeit so gut wie sie nur können. Es ergibt sich sogar eine Ethik des Funktionierens dieser Fuktionsmechanismen und Himmler, in seinen Posener Reden von 1944, feiert das hohe ethische Niveau der SS, die die entsprechende Arbeit vorantreiben. Für alle gilt: es gibt keinen Unterschied zwischen einem Mord und dem Fallen eines Steins.

Nachdem Hannah Arendt im Jahre 1962 am Prozess gegen Eichmann teigenommen hatte, sprach sie von der “Banalität des Bösen”. Eichmann ist nicht ein genialer Verbrecher, aber auch keine Bestie.Er ist ein Bürokrat, der einen Funktionsmechanismus in Gang hielt und dabei eine gute Arbeit machte. Alles mündet in Banalität ein, sogar seine Exekution. Aber sie analysiert noch nicht wie Baumann die Banalität der Welt, wenn man sie vom Gesichtspunkt des Effizienzkalküls von Funktionsmechanismen betrachtet. Aber implizit ist es natürlich gegenwärtig.

Dies geht heute weiter. Die Regierungen geben Massenvernichtungswaffen in Auftrag, die Techniker entwickeln sie, die Unternehmen produzieren sie und die Militärs wenden sie an. Alle tun dies mit einer völlig einwandfreien Ethik. Aber es ist eben eine rein funtionale Ethik, ohne die Funktionsmechanismen nicht funktionieren können. Für niemanden gibt es einen Unterschied zwischen einem Mord und dem Fallen eines Steins.

Aber alles funktioniert so: die Unternehmung tut alles was ihr Kalkül der Effizienz diktiert, dem der Unternehmer als einem höheren Willen zu gehorchen hat. Sie holzen den Urwald des Amazonas ab, einfach weil es Gewinne gibt. Sie zahlen Hungerlöhne, weil es möglich und folglich notwendig ist. Alles dies ist effizient und es wird mit einem einwandfreien Respekt für die geltenden ethischen Normen getan. Es gibt keinen Unterschied zwischen dem Mord und dem Fallen eines Steins, es gibt keinen Unterschied zwischen dem Hunger der Hungernden und dem Hunger der Autos, die die Nahrungsmittel der Hungernden in Form von Agrotreibmitteln verschlingen. Und immer ist die ethische Haltung völlig tadellos. Die Unternehmen geben Tatsachenurteile ab und der Unternehmer handelt entsprechend. Die Ethik ist funktional, sie wird respektiert und gerade dies schafft das gute Gewissen der Unternehmer. Sie maximieren den Gewinn, kalkulieren die Effizienz und maximieren ihren Nutzen. Sie tun nichts böses, alles ist banal.  So ergibt sich die totale Selbstgerechtigkeit derer, die dies tun. Die Ethik selbst verwandelt sich in Antriebskraft der Ausplünderung der anderen und der Natur.[7]

Der Traum der Vernunft produziert Monster

Aber das System führt dann doch den Unterschied zwischen einem Mord und dem Fallen eines Steins wieder ein. Aber der Gesichtspunkt ist jetzt das Kriterium des Effizienz- und Nutzenkalküls selbst. Er wird entwickelt von den Funktionsmechanismen der zweiten Ordnung aus: Markt und Staat.

Der Markt verwirklicht die Warenbeziehungen zwischen den Unternehmungen und den Käufern und der Staat sichert die Stabilität (gobernability) des Systems insgesamt. Aber es ergibt sich eine Hierarchie zwischen den Staaten. Der mächtigste Staat dirigiert. Vom Stabilitätskalkül dieses Staates werden die Feinde bestimmt, denen gegenüber der Staat zu reagieren hat. Diese können andere Staaten sein, die die bestehende Hierarchie bedrohen oder auch Gruppen und Volksbewegungen, die sich als Opposition dem System gegenüberstellen. Sie bedrohen die Stabilität und werden daher als Feinde aufgefasst, folglich als die Bösen. Der dirigierende Staat kann mit der absoluten Macht über die Kommunikationsmittel rechnen, die in den Händen der Unternehmerseite ist. Diese transformieren daher die Gegner in Monster. Es kommt der Unterschied zwischen einem Mord und dem Fallen eines Steins zurück, aber der Mord ist jetzt der, den diese Feinde begehen. Der Mordvorwurf wird Teil der Logik der herrschenden Funktionsmechanismen. Wer sie stört, ist immer der Böse oder sogar ein Mörder. Nicht die Tatsache, dass ein Mord geschieht, ist relevant. Das bleibt banal. Aber die Tatsache, dass die Feinde einen Mord begehen, wird relevant: sie beweisen damit, dass sie Monster sind.

Diese Monsterproduktion ist eine Art Fliessbandproduktion. Das erste grosse Monster des XX. Jahrhundert, war die jüdische Weltverschwörung, die in den Jahren vor dem I. Weltkrieg produziert wurde und immer gleichzeitig einen antikommunistischen Charakter hatte. Ihm folgt die Konstruktion des Kommunismus als Monster, heute des Terrorismus, der sich in einzelnen Monstern inkarniert wie Noriega in Panama, Arafat, Hussein oder Bin Laden. Mit den Volksbewegungen im Nahen Osten im jetzigen Jahr 2011 wurden neue Monster erfunden. Die vorherigen Stützen der Freien Welt im Nahen Osten, vor allem Mubarak und Kaddafi, wurden von einem Tag auf den anderen zu Monstern. Sie taten nichts anderes als sie vorher auch getan hatten und auch nichts anderes als das, was die Militärapparate der okzidentalen Modelldemokratien im Irak und in Afganistan seit mehr als einem Jahrzehnt getan haben und tun. Aber wenn sie es jetzt tun, werden sie zu Monstern, während das, was die Modelldemokrtien unserer Welt anrichten dem Funktionsmechanismus dient, den sie über den Nahen Osten projektieren und folglich weiterhin zwischen Mord und dem Fallen eines Steins überhaupt keinen Unterschied entdecken. Es ist das Rationale, das sich aus der Perfektionierung eines Funktionsmechanismus ergibt.

Diese Monsterproduktion wird mit dem Diskurs über die Menschenrechte argumentiert und begeht seinerseits seine Brutalitäten im Namen von humanitären Interventionen. Die Brutalitäten sind die Gleichen, obwohl quantitativ gesehen die Brutalitäten der Monster weit übertroffen werden. Aber sie stabilisieren das System.

Die westlichen Modelldemokratien haben als Grundlage ihrer Politik die Globalisierungsstrategie, die in ihrer Logik heute zunehmend die Grundlagendes menschlichen Lebens auf diesem Planeten zerstört. Um dies in einem Klima der Stabilität tun zu können, brauchen sie Gewaltregime in grossen Teilen der Welt, um möglichen Widerstand zu unterdrücken. Daher fördern sie diese Regime. Es sind diese Demokratien, die diese Gewaltregime brauchen, um zu existieren. Es sind die versteckten Leichen im Keller der Modelldemokratien der Welt. Das Thema der Menschenrechte greifen sie auf, wenn diese Gewaltregime aufhören, funktional für das Weltsystem zu sein. Sie tun dies, um diese Gewaltregime in Monster zu verwandeln, die man ausrotten muss. Dies wiederum deshalb, weil man “um gegen das Monster zu kämpfen, selbst zum Monster werden muss”. Sie erfinden Monster, um selbst Monster sein zu können. Dies ist der Fluch, der über dem Gesetz liegt.

Diese Modelldemokratien fördern nicht etwa demokratische Bewegungen in der Welt. Können sie sie aber nicht vermeiden, ist ihre einzige Sorge, sie so zu beeinflussen, dass sie das weiter tun, was vorher die Gewaltregime getan haben, soweit sie ihnen zu Dienste waren. Im Iraq und in Afganistan haben sie das erreicht.

Das einzig Vernünftige hingegen fällt ihnen nie ein. Es wäre, endlich die Globalisierungsstrategie zu flexibilisieren, um die Bedürfnisse der ausgeschlossenen und vergewaltigten  Bevölkerungen ins Zentrum zu stellen. Dies aber setzt eine andere Wirtschaft voraus: eine Wirtschaft, die systematisch auf allen Ebenen mit diesem Ziel in die Märkte interveniert.

Das Gefängnis der Poesie: die Banalisierung der Sprache.

Wir können das, was dieser Zusammenstoss mit dem Fluch, der auf dem Gesetze liegt, impliziert, an Hand der Auspruchs eines Dadaisten zeigen. Er stammt aus der Zeit des I. Weltkriegs. Hugo Ball sagte: “Die Sprache ist das Gefängnis der Poesie”. Damit sagt er genau das Gegenteil von dem, was später Heidegger sagte: Die Sprache ist “das Haus des Seins”.

Nach dem I. Weltkrieg argumentiert Karl Kraus im gleichen Sinne wie Hugo Ball. Er schreibt sein Drama “Die letzten Tage der Menschheit”, um dieses Verderben der Sprache während dieses Weltkriegs und ihre Umwandlung in eine Sprache von Slogans, die den Krieg zu einem weiteren Funktionsmechanismus verwandelt, der zu perfektionieren ist. Die Sprache ist verwandelt worden zu einem einfachen Träger leerer Sprachhülsen zur Produktion von Monstern, ein Phänomen, das dann später in immer weitere Bereiche des Lebens ausgedeht wird. Es handelt sich einerseits um die Produktion einer Sprache die einfach auf einen Transmissionsriemen einer eindeutigen Sprache reduziert wird. Auf der anderen Seite die öffentliche Sprache, die weitgehend von der Propaganda und der Reklame bestimmt wird. Es handelt sich einerseits um eine Sprache, die zur nackten Sprache gemacht wird und die jetzt selbst auf einen zu perfektionierenden Funktionsmechanismus reduziert wird und  andererseits um eine aufpeitschende Sprache, die mit magischen Versprechen und dämonischen monstruösen Drohungen operiert. Es ist eine Sprache, die tatsächlich alles andere als ein “Haus des Seins” ist.

Gehen wir von der Formulierung von Hugo Ball aus, können wir schliessen, was noch Poesie sein kann: Poesie sagt dann mit Hilfe der Sprache etwas, das die Sprache nicht (mehr) sagen kann. Sie muss die Sprache durchkreuzen. Aufs neue poetische Sprache zu finden, wird selbst zu einer Kunst. Es bedeutet, die Sprache ständig neu zu konstituieren und zwar von der Art her, die Realität zu sehen und in ihr zu handeln.

Tatsächlich hat sich das Verhältnis zur Sprache verändert. Gerade seit dem Ende des XIX. Jahrhunderts, als bereits die gesamte Weltsicht banalisiert war durch die Unterwerfung von allem unter die Sicht als Funkionsmechanismus und unter dem Effizienz- und Nutzenkalkül, ergreift diese Sichtweise auch die Sprache. Sie wird in einen Funktionsmechanismus zweiter Ordnung verwandelt, wie dies vorher schon mit dem Markt und dem Staat geschehen war. Als Funktioinsmechanismus gesehen, ist die Sprache eben tatsächlich nichts weiter als ein Informationsträger und für diese Sprache ist die Poesie nicht weiter als “Geräusch”. Die perfekte Sprache ist dann eine Sprache, die es erlaubt, Informationen auf eindeutige Weise und ohne Ambivalenzen – mit einem Minimum von störenden “Geräuschen” - zu übertragen. Es ist die Sprache des nackten Funktionierens. Für solch eine Sprachauffassung ist natürlich die Poesie das unvollkommenste Sprachwerk das es überhaupt geben kann. Sie sagt gar nichts. Etwas ähnliches gilt sogar für die allgemeine Volksprache, obwohl die Konstruktion der perfektionierten Sprache nicht darauf verzichten kann, da die Volkssprache immer ihr Ausgangspunkt ist. Alles ist eben unvollkommen in dieser Welt, selbst die vollkommenste konstruierte Sprache.

Diese auf einen Funktionsmechanismus reduzierte Sprache unterminiert allerdings alle wirklichen Sprachen. Sie scheinen Sprachen zu sein, die voller Unvollkommenheit sind und sich nicht auf der Höhe ihres Ideals befinden. Als Konsequenz entsteht in allen Sprachen die Tendenz zur Banalisierung der Sprache, ganz so wie die Welt und das Böse banalisiert worden ist. Sie wird zum Teil dieser allgemeinen Banalisierung der Welt, so wie sie gesehen und behandelt wird, wenn man sie von der Optimierung von Funktionsmechanismen her sieht.

Manche Philosophen versuchen dieser Banalisierung zu entgehen, indem sie eine künstliche Sprache entwickeln. So tat es Heidegger und heute gerade französische Philosophen wie Derrida, Deleuze und häufig auch Foucault. Aber es bleibt bei höchst fremden Kunsterzeugnissen.

Was geschieht mit der Schönheit? Es ergibt sich eine Krise der Kunst insgesamt und ihre Rekonstitution. Es entwickelt sich eine, die die Welt auf neue Art sieht um sie noch als eine humane Welt sehen zu können.

Aber es entsteht gleichzeitig und parallel dazu eine Kunst, die die Funktionsmechanismen selbst ästethisiert. Die Funktionalität selbst wird zur Ästethik, wie etwa im Bauhaus. Aber immer mehr wird diese Ästhetisierung durch die Reklame durchgesetzt. Die Funktionsmechanismen haben keinen andern Sinn als ihr eigenes Funktionieren, was eine Tautologie ist. Dass es der Sinn des Lebens ist, das Leben zu leben und zwar so, dass alle ihr Leben leben können, hört auf, als sinnvoll verstanden zu werden und die Ästhetisierung durch die Reklame wird zum Sinnersatz.

Die Reklame als Sinnersatz unterwirft sich weigehend das kulturelle Leben der Kulturindustrie. Sie ist ästhetisch, ist sogar poetisch, nimmt alle Künste in ihren Dienst und penetriert die kulturellen Ereignisse, soweit sie Massen anziehen: die Festivals und den Fussball. Jeder Fussballer wird zur Litfassäule. Die Reklame halluziniert täglich das Glück. Alles macht glücklich, vorausgesetzt, man kauft es. Dies ist einfach die andere Seite der Monster, die man produziert. Gegen nicht existierende Monster ein nicht existierendes Glück.

Man kann dies zeigen an Hand einer Poesie, die von der kommerziellen Reklame ausgearbeit wurde. Sie stammt von einer der grossen Banken in der Schweiz. Es ist gleichzeitig eine Poesie und ein Psalm:

Gold ist Bestätigung./ Sein Versprechen hat/ Gewicht.

Gold ist Überraschung./Es übertrifft die größte/Erwartung.

Gold ist Sicherheit./ Auf seine Stabilität/ vertraut die Welt.

Gold hat Ausstrahlung/Sie verliert nie/an Glanz.

Gold ist Treue./Es verrät seinen Besitzer/ nicht.

Gold ist Ewigkeit./ Seine Faszination/ überdauert die Zeit.

Gold ist Geheimnis./Niemand vermag seine Faszination/ ganz zu

ergründen.

Gold ist Dankbarkeit./ Es weiss sich unvergänglich/ auszudrücken.

Gold ist Liebe./ Es gibt kaum ein edleres/ Zeichen dafür.

Gold ist Vertrauen.’ Sein Wert hält/ Bestand.

Gold ist Zuneigung./ Es drückt Gefühle besser aus/als tausend Worte 

Gold ist Sehnsucht./ Seine Attraktion/ verblasst nie.[8]

Es handelt sich um den Kern alles Denkens von Funktonsmechanismen her. Es ist kein Überbau, sondern das Herz. Gleichzeitig ist es die Vernichtung aller Menschlichkeit, allen Lebenssinns. Aber es ist eine Poesie, die man besser als Nicht-Poesie bezeinet. Es ein Meisterstück der Sprache, sofern sie das perfekte Gefängnis der Poesie ist.

Nietzsche sagte, dass es keine Tatsachen gibt, sondern nur Interpretationen. Unser Resultat ist anders. Es gibt keine nicht interpretierten Tatsachen, keine Tatsachen vor allen Interpretationen, was etwas ganz anderes ist. Es bedeutet, dass es keine nackten Tatsachen gibt, sondern dass die sogenannten nackten Tatsachen das Ergebnis einer Interpretation der Tatsachen sind. Es handelt sich um die Interpretation aus der Sicht der Funktionsmechanismen.

Die banale Welt ist eine interpretierte Welt und nicht eine Welt nackter Tatsachen vor aller Interpretation, wie es Wittgenstein glaubt. Was banal ist, ist die Interpretation der Welt, nicht die Welt “an sich”. Es ist die Interpretation unter dem Gesichtspunkt des Nutzenkalküls und der Maximisierung der Effizienz von Funktionsmechanismen in dem Grade, wie die ganze Welt als ein gigantischer Funktionsmechanismus interpretiert wird. Aber diese banale Welt hat Seele und Herz, die Teil der Interpretation sind. Im zitierten Psalm auf das Gold schlägt dieses Herz. Was herzlos ist, ist dieses Herz selbst.

Die mythische Vernunft.

Diese Interpretation ist der kategoriale Rahmen unserer Moderne und dieser kategoriale Rahmen wird entwickelt als eine mythische Vernunft, die seine Mystik begründet. Es ist die Mystik des unendlichen Fortschritts, der unendlich perfektionierten Effizienz, des sich selbst regulierenden Marktes mit seiner unsichtbaren Hand. Es ist die mythische Vernunft der Moderne. Es ist aber gleichzeitig die Mystifizierung des Todes und des Tötens. Es ist die mythische Vernunft des Todes als Praxis. Diese Mystik ist nicht nur das Gefängnis der Poesie, sondern alles menschlichen Lebens und damit alles Lebens. Sie erstickt alles.

Sie ist der Traum der Vernunft, der Monster produziert.

Diesem kategorialen Rahmen und der damit verbundenen mythischen Argumentation kann man nicht anders antworten als mit einem anderen und in diesem Sinne alternativen kategorialen Rahmen, der letztlich darauf beruht, dass der Sinn des Lebens ist, gelebt zu werden und als Zusammenleben aller gelebt zu werden. Es ergibt sich eine ebenfalls durchaus mythische Vernunft und die notwendig auch entwickelt werden muss. Wie wir gesehen haben, beruht ja auch die angebliche Objektivität der empirischen Wissenschaften auf einer Interpretation, die in Form mythischer Vernunft ausgedrückt ist. Daher bleibt gültig, dass alle Tatsachen interpretierte Tatsachen sind, aber dass diese Interpretation auf Argumenten einer mythischen Vernunft gründet.

Ich will dies zum Schluss an Hand eines Artikels aus Le Monde Diplomatique zeigen, der die von der indigenen Volksbewegung in Bolivien analysiert. Der Titel ist: “Irrtümer und Mystifizierungen in bezug auf die indigene Göttlichkeit in Bolivien. Das Gespenst des Pachamamismus.”[9] Es handelt sich um eine enthüllende Kritik dieser Position:

“Nur ein einziges Land hat die Internationale Übereinkunft  von Cancún zum Kampf gegen den Klima-Wandel abgelehnt: Bolivien. Der bolivianische Präsident Evo Morales zieht den in dem im vergangenen Dezember unterschrieben Text vorgesehenen “Markmechanismen” ein “neues planetarisches Paradigma  zur Erhaltung des Lebens” vor: die Verteidigung der Mutter Erde, der Pachamama. Auf diese Weise appelliert er an eine indigene Tradition, die dazu beitragen soll, die ideologische Atmosphäre zu “dekolonialisieren”.

Von ihrer Seite her sugeriert die Deklaration von Cochabamba – die das kapitalistische Modell sehr hart kritisiert – dass es nötig sei, um der “Zerstörung der Welt” ein Ende zu setzen, dass die Welt nicht nur “die ancestralen Prinzipien und die Vorgehensarten der indigenen Völker wiederentdecken und aufs neue erlernen muss”, sondern “die Mutter Erde als ein lebendes Wesen anerkennen” und ihr eigene “Rechte” zuerkennen muss. Es handelt sich um eine Idee, die die Aufmerksamkeit eines Teils der antiglobalistischen Bewegung wachrief.”

Man hört sofort den ironischen Unterton. Zum Schluss des Artikels kommt dann die Verurteilung dieser Positionen im Namen der modernen Wissenschaftlichkeit, die ausgesprochen wird durch einen modernen und sogar prosozialistischen  Wissenschaftler, der angeblich die Stimme der Wahrheit ist:

“Der Geograph David Harvey, der sensibel ist für die Dringlichkeit der ekologischen Krise, lehnt jede Dichotomie zwischen menschlicher Gesellschaft und Natur ab. ‘Die Menschen – führt er aus - , wie jeder sonstige Organismus auch, sind aktive Subjekte, die die Natur ihren eigenen Gesetzen gemäss umwandeln”: die menschliche Gesellschaft produziert daher die Natur selbst auf die gleiche Weise, wie letztere die Menschheit hervorbringt. Diese Umwandlung dieses oder jenes Ecosystems impliziert daher nicht so sehr die Rechte einer hypothetischen ‘Mutter Erde’ zu verteidigen wie die ‘Formen der sozialen Organisation, die sie hervorgebracht hat’, zu verändern.”

David Harvey, als empirischer Wissenschaftler, reduziert das Problem einfach auf das eines Funktionsmechanismus. Die “Mutter Erde” sieht er als eine Hypothese, die ausserdem ausserordentlich unsicher ist. Er stellt sie sich als eine metaphysische Substanz vor. Die Reduzierung auf einen Funktionsmechanismus ist offensichtlich: “die menschliche Gesellschaft produziert daher die Natur selbst auf die gleiche Weise, wie letztere die Menschheit hervorbringt”. Er glaubt, dass es sich um eine Antwort auf das Funktionsproblem eines Funktionsmechanismus ist, das durch Sozialtechniken gelöst wird: die Strukturen müssen geändert werden.

Aber die Bezugnahme auf die “Mutter Erde” ist keineswegs eine Hypothese, schon gar nicht eine metaphysische. Sie ist ein Argument, auf das zu antworten ist. Ein Argument mythischer Vernunft, das für einen empirischen Wissenschaftler überhaupt kein Argument ist. Er glaubt die Wirklichkeit erfasst zu haben, wenn er sie als Funktionsmechanismus interpretiert hat. Die Erde aber als “Mutter Erde” aufzufassen, heisst in der mythischen Sprache, sie als Subjekt anzuerkennen und zu behandeln. Das aber heisst: sie darf nicht darauf reduziert werden, Objekt der Erkenntnis und des Handelns zu sein. Wer das tut, zerstört sie und kann nicht sie nicht zerstören. Als “Mutter Erde” wird sie als Partner anerkannt, nicht einfach als Ausbeutungsobjekt. Die Erde auf einen Funktionsmechanismus zu reduzieren, legitimiert nur den Zerstörungsprozess. Es ist völlig unrealistisch. Sie als “Mutter Erde” zu verstehen und danach zu handeln, das ist Realismus.

Oder ist es etwa mythischer, von der Mutter Erde zu sprechen als den Mythos des unendlichen Fortschritts zu verbreiten? Wir haben im Kopf eine Art Gehirnwäsche von Jahrhunderten oder sogar Jahrtausenden, die uns dazu gebracht hat, den Mythos des unendlichen Fortschritts für realistisch zu halten und den von der Mutter Erde nicht. Aber nicht beide sind realistisch, Realistisch ist der von der Mutter Erde, dem man auch viele andere Ausdrücke geben kann.

Was wir brauchen, ist ein menschliches Subjekt zu entwickeln, das fähig ist, die Erde und die Natur als Subjekt anerkennen und zu behandeln.

Harvey glaubt, dass er solch ein Subjekt gar nicht braucht und dass der Funktionsmechanismus einfach nur gut kalkuliert werden muss. Dies aber mit dem Mechanismus des Marktes tun zu wollen, höhnt jedem Realismus. Das Handeln, das auf Markthandeln reduziert wurde, hat uns in diese Situation gebracht. Gerade deswegen zeigt es niemals den Ausweg. Jährlich finden Kongresse statt, jährlich scheitern sie und jährlich wird die Situation katastrophaler. Das ist nichts weiter als Opium fürs Volk.

Es handelt sich nicht darum, das Denken in Funktionsmechanismen abzuschaffen. Trotz allem ist es wertvoll. Aber es geht darum, zu erkennen, dass es für die Wirklichkeitserkenntnis nicht mehr ist als auxiliar. Alle empirische Wissenschaft der Moderne kann nicht mehr sein als eine auxiliarer Beitrag. Sie ist nicht in der Lage, die Wirklich zu erkennen. Gibt sie sich als Wirklichkeitserkenntnis aus, führt sie zur Zerstörung der Wirklichkeit selbst. Die Wirklichkeit ist gelebte Wirklichkeit, über die eine empirische Wissenschaft überhaupt nicht sprechen kann, zumindest aber überhaupt nicht spricht.

Diese gelebte Wirklichkeit aber ist subjektiv, was eine objektive Tatsache ist. Deshalb gilt: wenn wir kein Subjekt für ein neues Verhältnis zur Natur entwickeln können, gibt es keine Lösung. Aber es geht nicht nur um das Verhältnis zur Erde. Das gleiche gilt für das Verhältnis zum Mitmenschen. In dieser subjektiven Wirklichkeit gilt für das eine das gleiche wie für das andere. Wir können dies zusammenfassen in der Forderung: ich bin wenn du bist. Es gilt dem Menschen gegenüber wie auch gegenüber der Erde. Es ist die Forderung, realistisch zu sein. Unter diesem Gesichtspunkt über die Wirklichkeit zu sprechen, heisst, realistisch zu sprechen. Niemals ist der Ingenieur der Realist in letzter Instanz.

Stellt man sich in dieser Form sich selbst und der Welt gegenüber, sieht man auf einmal wieder den Unterschied zwischen einem Mord und dem Fallen eines Steins.


[1]          Dies hat im XX Jahrhundert seinen extremsten Punkt erreicht mit dem Denken von Gary Becker: Human capital. University of Chicago Press. 1993. Gary Becker kalkuliert sogar den Nutzen den seine Mutter und seine Kinder ihm stiften. Für diesen Gipfel der Rationalität hat er sogar den Nobel-Preis bekommen. Will man unsere Zeit verstehen, muss man verstehen, dass dies der Gipfel unserer Rationalität ist.

[2]          Ver Hinkelammert, Franz: La maldición que pesa sobre la ley. Las raíces del pensamiento crítico en Pablo de Tarso. Editorial Arlekín. San José, 2010. ver Cap. 3: “Sobre los marcos categoriales de la interpretación del mundo en Pablo y Agustín”.

[3]          Wittgenstein, Ludwig. Vortrag über Ethik. Surkamp. Frankurt a/M, 1989. S.12

[4]          In einem Roman von Humberto Ecco wird die Konsequenz einer solchen Weltsich ganz überraschend beschrieen. S. Ecco, Humberto: Der Friedhof von Prag.

[5]          zitiert nach Schirmacher, W.: Technik und Gelassenheit. Freiburg, 1985. S.25 nach: Farías, Victor: Heidegger und der Nationalsozialismus. Mit einem Vorwort von Jürgen Habermas. Fischer.Frankfurt a/M, 1989. S.376

[6]          Ver Hinkelammert, Franz: Democracia y totalitarismo. DEI. San José, 1990 siehe Teil II, Kapitel I: “La metodología de Max Weber y la derivación de estructuras de valores en nombre de la ciencia”.

[7]          Dies sagt schon Paulus: Der Stachel des Todes ist das Verbrechen, die Kraft des Verbrechens ist das Gesetz.

[8]          Zusammengestellt von Mascha Madörin aus Omega-Werbungstexten, Weltwoche 49/7.12.89

[9]          Le Monde Diplomatique 18.02.11 – Lateinamerika  http://www.monde-diplomatique.fr/ von Renaud Lambert. Ichj danke Anne Stickel dafür, mir diesen Artikel zugesandt zu haben.

 

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