Urs Eigenmann 

Joseph Ratzinger/Benedikt XVI. und dessen Umgang mit dem Reich Gottes*

Vom Verleugnen der Regno-Zentrik zu deren Verteufelung

Joseph Ratzinger/Benedikt XVI. hat bereits als Kardinal in München, danach als Präfekt der Glaubenskongregation und schliesslich als Papst neben vielem und vielen anderen die Theologie der Befreiung und deren Vertreter bekämpft. Im Folgenden wird analysiert, was er in seinen Büchern über Jesus von Nazaret zum Reich Gottes und dessen Interpretationen bzw. Interpreten schreibt. Dies ist für den Streit um die Theologie der Befreiung innerhalb der römisch-katholischen Kirche aus drei Gründen exemplarisch. Zum einen, weil es in diesem Streit um das Reich Gottes geht, das einen zentralen inhaltlichen Aspekt der Unterscheidung zwischen dem prophetisch-messianischen Christentum und der imperial-kolonisierenden Christenheit darstellt. Zum andern, weil die Texte vom wohl prominentesten und kirchenintern mächtigsten Gegner der Theologie der Befreiung stammen. Zum dritten weil sich dieser mit einigen der profiliertesten Vertreter der Theologie der Befreiung anlegt, ohne diese allerdings namentlich zu nennen. Ausgangspunkt ist das dritte Kapitel Das Evangelium vom Reich Gottes im ersten Band der Jesus-Trilogie von Joseph Ratzinger/Benedikt XVI.[1]

1 Von der Anerkennung des Reiches Gottes als Mitte der Sendung Jesu zu dessen Verschwinden in einer Christologie ohne Reich Gottes

Das Kapitel beginnt mit den Summarien in den Evangelien nach Markus (vgl. Mk 1, 14 f) und Matthäus (vgl. Mt 4,23; 9,35), nach denen das Evangelium vom Reich Gottes der Inhalt der Verkündigung und der Praxis Jesu war. Danach weist Joseph Ratzinger/Benedikt XVI. auf die politisch brisante Verwendung des Begriffs Evangelium für die Sendung Jesu hin, da dieser zuvor nur für Ankündigungen der sich für Gott haltenden Kaiser in Gebrauch war.[2] Mehrmals wird das Reich Gottes als zentraler Inhalt des Evangeliums bezeichnet und dies mit Wortstatistiken belegt.[3] So schreibt er: „Der zentrale Inhalt des ‚Evangeliums’ lautet: Das Reich Gottes ist nahe. [...] Das Zentrum dieser Ansage ist die Botschaft vom Nahesein von Gottes Reich. Diese Ankündigung bildet tatsächlich die Mitte von Jesu Wort und Wirken.“[4] Er betont die Komplexität des Reiches Gottes und fordert, das Ganze der Botschaft zu berücksichtigen: „Die Realität, die Jesus ‚Reich Gottes, Herrschaft Gottes’ nennt, ist äusserst komplex, und nur im Annehmen des Ganzen können wir auf seine Botschaft zugehen und uns von ihr führen lassen.“[5] Im letzten Abschnitt des Kapitels erinnert Ratzinger/Benedikt XVI. nochmals an dies: „Das Thema ‚Reich Gottes’ durchzieht die ganze Verkündigung Jesu.“[6] Das bekräftigt er auch im zweiten Band über Jesus: „Das Zentrum der Botschaft ist bis ans Kreuz hin – bis zur Kreuzesinschrift – das Reich Gottes, das neue Königtum, für das Jesus steht.“[7]

Nachdem er den biblischen Befund über die Zentralität des Reiches Gottes bei Jesus referiert hat, erklärt er: „Während die Achse der vorösterlichen Predigt Jesu die Botschaft von Gottes Reich ist, bildet die Christologie die Mitte der apostolischen Predigt nach Ostern.“[8] Für ihn ist „[...] Jesus das Reich Gottes in Person [...]“[9]. Im zweiten Band über Jesus verdeutlicht er das, wenn er schreibt: „In Christus ist Gott – die Wahrheit – in die Welt hereingetreten. Christologie ist konkret gewordene Verkündigung von Gottes Reich.“[10] Er hält fest: „Wir können noch einfacher sagen: Jesus verkündet, indem er vom Reich Gottes spricht, ganz einfach Gott, und zwar Gott als den lebendigen Gott, der in der Welt und in der Geschichte konkret zu handeln imstande ist und eben jetzt handelt. Er sagt uns: Gott gibt es. Und: Gott ist wirklich Gott, das heisst er hält die Fäden der Welt in Händen. In diesem Sinn ist Jesu Botschaft sehr einfach, durch und durch theo-zentrisch.“[11]

Diese sowie alle weiteren Ausführungen von Ratzinger/Benedikt XVI. über das Reich Gottes müssen im Licht jenes Anspruchs gelesen und analysiert werden, den er selbst im Vorwort zum ersten Jesusbuch so formuliert: „[I]ch [...] wollte [...] doch den Versuch machen, einmal den Jesus der Evangelien als den wirklichen Jesus, als den ‚historischen Jesus’ im eigentlichen Sinn darzustellen.“[12]

Im Sinn dieses Anspruchs steht fest: Jesus hat – biblisch bezeugt und von Ratzinger/Benedikt XVI. mehrmals bestätigt – nicht sich selbst und nicht Gott an sich verkündet, sondern das Reich Gottes. Jesus hat sich zwar ganz mit dem Reich Gottes identifiziert, hat dieses aber nicht als Ganzes mit sich gleichgesetzt, wenn er seine Jünger aussendet, das Reich Gottes zu verkünden und Kranke zu heilen (vgl. Lk 9,2; 10,9; Mt 10,7) und wenn er von dessen Erfüllung spricht, die noch nicht mit ihm angekommen ist (vgl. Lk 22,16.18). Daraus folgt, dass die Christologie nicht – wie von Ratzinger/Benedikt XVI. behauptet – konkret gewordene Verkündigung des Reiches Gottes ist. Sie ist es schon deswegen nicht, weil sie als klassische Christologie der Konzilien eine Christologie ohne Reich Gottes ist. Wenn Ratzinger/Benedikt XVI. sagt, die Achse der vorösterlichen Predigt Jesu sei die Botschaft vom Reich Gottes, die Mitte der apostolischen Predigt nach Ostern bilde die Christologie, beschreibt er zwar die historische Entwicklung der kirchlichen Lehramtstheologie, ohne sie aber theologisch zu hinterfragen. Er verteidigt, wie Hermann Häring feststellt, „[...] statt des ihm aufgetragenen biblischen ein nizänisches Christentum, statt der katholischen Kirche eine nizänische Konfession [...]. Unter dem Titel ‚Jesus von Nazareth’ wird der Christus einer entstehenden Staatskirche verteidigt.“[13]

Ratzinger/Benedikt XVI. vermag nicht zu erkennen, dass die klassische, sich orthodox verstehende Christologie, ein Produkt der Verkehrung des prophetisch-messianischen Christentums in die imperiale Christenheit ist. Zentral für diese Christenheit ist deren Reich-Gottes-Vergessenheit. Aber nur um den Preis der Leugnung des Grundsatzes, wonach die Heilige Schrift die „Norma normans non normata, [die] normierende, nicht normierte Norm“[14] ist, kann die faktische Entwicklung vom vorösterlichen Reich-Gottes-Zeugnis Jesu zur nachösterlichen Christologie unkritisch hingenommen werden, weil dadurch die nachösterliche Christologie zu einer das biblische Zeugnis normierenden Norm erhoben wird. Es findet darin eine Verkehrung statt: Nicht mehr die Bibel ist die „Norma normans non normata, [die] normierende, nicht normierte Norm“, sondern umgekehrt wird das kirchliche Lehramt zur „Norma normans non normata, [zur] normierenden, nicht normierten Norm“. Das aber steht im Gegensatz zu dem, was das Zweite Vatikanische Konzil festgehalten hat, wenn es erklärt, das Lehramt stehe nicht über dem Wort Gottes, sondern diene ihm (vgl. DV 10,2).

Wenn Ratzinger/Benedikt XVI. behauptet, Jesus verkünde, indem er vom Reich Gottes spreche, ganz einfach Gott, er sage uns, dass es Gott gibt und dieser halte die Fäden der Welt in Händen und so sei Jesu Botschaft sehr einfach, durch und durch theo-zentrisch,[15] dann ist damit eine offenbarungstheologische Problematik angesprochen. Wenn die Offenbarung Gottes in Jesus als Selbstmitteilung Gottes begriffen wird, dann offenbart sich in Jesus nicht irgendein Gott, sondern eben der Gott des Reiches und seiner Gerechtigkeit. Das ganze Reich-Gottes-Zeugnis in Wort und Tat offenbart den Gott Jesu und ist konstitutiv für diesen. Vor diesem offenbarungstheologischen Hintergrund ist eine Reduktion des Reich-Gottes-Zeugnisses Jesu auf die Botschaft, es gebe Gott und dieser halte die Fäden der Welt in seinen Händen, unzulässig.

Der Gott, der sich in Jesus offenbart, ist der Gott des Exodus. Dieser Gott hört das Stöhnen der Israeliten (vgl. Ex 2,24). Er sagt, er habe das Elend seines Volkes in Ägypten gesehen, ihre laute Klage über die Antreiber gehört und kenne ihr Leid (vgl. Ex 3,7). Er erklärt, er sei herabgestiegen und wolle sie der Hand der Ägypter entreissen und in ein schönes, weites Land führen (vgl. Ex 3,8). Im Namen dieses Gottes werden Regelungen für das Zusammenleben erlassen (vgl. Ex 20,1-23,33). Im Namen dieses Gottes, mit dem konstitutiv eine befreiende Weltgestaltungsvision auf der Seite der Elenden und Versklavten verbunden ist, bezeugte Jesus das Reich Gottes als Vision erfüllten Lebens (vgl. Joh 10,10) aller. Dieser biblisch bezeugte Gott des Exodus darf wohl nicht einfach mit dem an den Demiurgen gemahnenden Gott, den es gibt, und der die Fäden der Welt in Händen hält, gleichgesetzt werden.

In Bezug auf die Versuche von Ratzinger/Benedikt XVI., das vorösterliche Reich-Gottes-Zeugnis Jesu mit der nachösterlichen Christologie der Kirche zu identifizieren, müsste daran erinnert werden, dass Jesus die Seinen einlädt, ihm nachzufolgen. Er fordert sie nicht auf, eine Lehre – eine Christologie - über ihn zu entwickeln und diese zu verbreiten. Sondern in der Nachfolge Jesu, in der Bereitschaft, Jesu Glauben heilend und befreiend zu bezeugen, muss sich der Glaube an ihn bewahrheiten. Ohne diese Bereitschaft, verkommt der Glaube an ihn zu einer Form billiger Gnade, einer Gnade ohne Nachfolge.[16] In diesem Sinn könnte ein Wort Jesu (vgl. Mt 7,21) so abgewandelt werden: Nicht jeder, der eine orthodoxe Christologie über mich vertritt, wird in das Himmelreich kommen, sondern nur, wer den Willen meines Vaters im Himmel erfüllt.

Insofern Ratzinger/Benedikt XVI. den Anspruch erhebt, „den Jesus der Evangelien als den wirklichen Jesus, als den ‚historischen Jesus’ im eigentlichen Sinn darzustellen“ und biblisch begründet festhält, dass das Reich Gottes die Mitte von Jesu Wort und Wirken sei, dann aber behauptet, Jesus habe „ganz einfach von Gott“ gesprochen und verkündet „Gott gibt es“, widerspricht er sich selbst und läuft Gefahr, als Reich-Gottes-Leugner zu gelten.

 

2 Politisch motivierte Diffamierung der Regno-Zentrik

Im Blick auf die Kirchengeschichte weist Ratzinger/Benedikt XVI. zunächst auf die Kirchenväter und deren drei Dimensionen in der Auslegung des Schlüsselwortes vom ‚Reich’ hin.[17] Zum einen ist es die christologische: „Origenes hat Jesus [...] als die autobasileia bezeichnet, das heisst als das Reich in seiner Person. Jesus selbst ist das ‚Reich’.“[18] Zum andern ist es die idealistische oder mystische, „[...] die das Reich Gottes wesentlich in der Innerlichkeit des Menschen angesiedelt sieht. Auch diese Richtung des Verstehens ist von Origenes eröffnet worden. [...] Der Grundgedanke ist klar: Das ‚Reich Gottes’ findet sich nicht irgendwo auf der Landkarte, [...] sein Ort ist die Inwendigkeit des Menschen.“ [19] Als dritte Dimension nennt Ratzinger/Benedikt XVI. die ekklesiastische. „Reich Gottes und Kirche werden in unterschiedlicher Weise in Beziehung zueinander gesetzt und mehr oder weniger nahe aneinandergerückt.“[20] 

Nach dem Blick auf die Väter wendet er sich der Theologie des 19. und frühen 20. Jahrhunderts zu und erinnert zunächst an Adolf von Harnack als Vertreter der liberalen Theologie. Dieser sah „[...] in der Reich-Gottes-Botschaft Jesu eine doppelte Revolution gegenüber dem Judentum seiner Zeit [...]“[21], nämlich eine streng individualistische und streng moralische.[22] Danach weist er auf Johannes Weiss und Albert Schweitzer und deren radikal end-eschatologische Sicht des Reiches Gottes hin.[23] Diesen wirft er vor: „Es ist offensichtlich, dass da die Theorie stärker war als das Zuhören auf den Text.“[24] Weiter nennt er als Weisen, die naheschatologische Sicht ins heutige Christenleben umzusetzen, jene von Bultmann, der es mit der Philosophie Martin Heideggers versuchte, und jene von Jürgen Moltmann, der im Anschluss an Ernst Bloch eine Theologie der Hoffnung entwickelte.[25]

Schliesslich macht er in der katholischen Theologie eine Entwicklung von Zentralsetzungen aus. Sie führte von der vorkonziliaren Ekklesiozentrik über die Christozentrik und Theozentrik nach dem Konzil zu dem, was er als Regno-Zentrik bezeichnet.[26] Der Schritt von der Theozentrik zur Regno-Zentrik werde gefordert, um näher an die Gemeinschaft der Religionen heranzurücken, „[...] weil ja auch Gott trennend zwischen den Religionen und zwischen den Menschen stehen kann“[27].

Um diese Regno-Zentrik, um die Zentralität des Reiches Gottes, geht es Ratzinger/Benedikt XVI. Mit ihr beschäftigt er sich, um sie auf verschiedene Weise zu bekämpfen. So sagt er von ihr, sie sei „[...] eine säkularistische Umdeutung des Reichsgedankens [...], eine neue Sicht des Christentums, der Religionen und der Geschichte im Allgemeinen [...], [um] die angebliche Botschaft Jesu wieder aneignungsfähig [zu] machen“[28]. Er erklärt: „‚Reich’ – das bedeute einfach eine Welt, in der Friede, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung herrschen. Um nichts anderes gehe es.“[29] Dann fragt er: „Aber wenn man näher hinsieht, wird man doch stutzig: Wer sagt uns eigentlich, was Gerechtigkeit ist? Was in der konkreten Situation der Gerechtigkeit dient? Wie Friede geschaffen wird?“[30] Sein Urteil lautet: „Bei näherem Hinsehen erweist sich das alles als utopistisches Gerede ohne realen Inhalt, sofern man nicht im Stillen Parteidoktrinen als von jedermann anzunehmenden Inhalt dieser Begriffe voraussetzt.“[31]

Während Ratzinger/Benedikt XVI. die Autobasileialehre des Origenes und die idealistisch-mystische Deutung des Reiches Gottes durch einige Kirchenväter unkritisch referiert und nicht zu erkennen vermag, dass es sich dabei um eine personalisierende Enthistorisierung bzw. um eine spiritualisierende Verkürzung des Reiches Gottes handelt, attackiert er polemisch-süffisant die Regno-Zentrik, wenn er diese als „utopistisches Gerede ohne realen Inhalt“ abqualifiziert und sie mit irgendwelchen Parteidoktrinen in Verbindung bringt.

Die Tendenz von Ratzinger/Benedikt XVI., das Reich Gottes völlig unpolitisch zu verstehen, soll zunächst im Zusammenhang dessen gesehen werden, wie er im Jesusbuch Christentum und Welt einander zuordnet. Auf der einen Seite wendet er sich gegen „[d]ie heute weitverbreitete Versuchung, das Neue Testament rein spirituell auszulegen und es von jeder sozialen und politischen Relevanz zu lösen“[32]. Im Kapitel über die Bergpredigt stellt er in Bezug auf die Tora, deren prophetische Entwicklung und Jesu Position fest: „In der Tora erscheint als die grundlegende Norm, an der allein alles hängt, zunächst die Durchsetzung des Glaubens an den einen Gott: Nur er, JHWH, darf angebetet werden. Aber nun, in der prophetischen Entwicklung, erhält die Verantwortung für die Armen, die Witwen und die Waisen immer mehr den gleichen Rang wie die Einzigkeit der Anbetung des einen Gottes: Sie verschmilzt mit dem Gottesbild, definiert es ganz konkret. Die soziale Wegweisung ist eine theologische Wegweisung, und die theologische Wegweisung hat sozialen Charakter – Gottes- und Nächstenliebe sind nicht trennbar, und Nächstenliebe erfährt hier als Wahrnehmung der direkten Gegenwart Gottes im Armen und Schwachen eine sehr praktische Definition. [...] Jesus [...] nimmt die von den Propheten weiterentwickelte innere Dynamik der Tora selbst auf und gibt ihr als der Erwählte, mit Gott selbst Aug’ in Aug’ stehende Prophet (Dtn 18,15) ihre radikale Gestalt.“[33] Ratzinger/Benedikt XVI. weiss also durchaus um die soziale und damit politisch relevante Dimension der biblischen Botschaft. Auf der anderen Seite schwächt er sie aber ab, wenn er von einer wesentlichen Verträglichkeit der Ordnungen Jesu und des Kaisers spricht: „Der Kaiser und Jesus verkörpern zwei verschiedene Ordnungen der Wirklichkeit, die sich durchaus nicht ausschliessen müssen, aber in ihrem Gegenüber den Zündstoff eines auf die Grundfragen der Menschheit und der menschlichen Existenz zielenden Konflikts in sich tragen. ‚Gebt Gott, was Gottes und dem Kaiser, was des Kaisers ist’, wird Jesus später sagen und so die wesentliche Verträglichkeit der beiden Sphären ausdrücken (Mk 12,17).“[34] Als Beleg für diese „wesentliche Verträglichkeit“ beruft er sich unkritisch auf die Perikope von der Kaisersteuer (vgl. Mk 12,13-17). Diese darf aber nicht nur vom isoliert aus dem Kontext genommenen letzten Vers her verstanden und so zur Legitimation eines schiedlich-friedlichen Nebeneinanders von Kaiser und Gott missbraucht werden, sondern ist als Ganze und in ihrer Komplexität zu analysieren.[35] Ähnlich gelagert ist die Position von Ratzinger/Benedikt XVI., wenn er vom „[...] an sich unpolitische[n] Glaube[n] der Christen [...]“[36] spricht, sich dabei für die rechtmässige Anerkennung der Obrigkeit unkritisch auf Röm 13,1-7 beruft[37] und den Widerstand der Christen auf den Zusammenstoss mit „[...] totalitären politischen Mächten [...]“[38] beschränkt. Diese Äusserungen von Ratzinger/Benedikt XVI. zeigen, dass er ein Repräsentant der imperial-kolonisierenden Christenheit ist, die keine andere Weltordnung im Sinne des Reiches Gottes anstrebt.

Zur abwertenden Charakterisierung der Regno-Zentrik durch Ratzinger/Benedikt XVI., diese sei eine „säkularistische Umdeutung des Reichsgedankens“ und ein „utopistisches Gerede ohne realen Inhalt,“ ist Folgendes anzumerken. Zum einen ist nach dem biblischen Zeugnis der Evangelien das Reich Gottes eine völlig säkulare Grösse. Es wird weder mit einem religiösen Glaubensbekenntnis noch mit irgendeiner Form von Kult in Verbindung gebracht. Deswegen macht die Rede von einer „säkularistische[n] Umdeutung des Reichsgedankens“ nicht nur keinen Sinn, sondern offenbart darüber hinaus, dass Ratzinger/Benedikt XVI. das biblische Zeugnis in Bezug auf das Reich Gottes wohl zu wenig genau zur Kenntnis genommen hat. Zum andern intendiert seine Abqualifizierung der Regno-Zentrik als „utopistisches Gerede ohne realen Inhalt“ zwar eine Abwertung derer, die das Reich Gottes als Zentrum der Sendung Jesu auch heute zentral sehen, offenbart aber zugleich ein doppeltes Defizit. Zum einen besteht dieses Defizit darin, dass die biblisch bezeugte inhaltliche Fülle des Reiches Gottes[39] nicht berücksichtigt wird. Zum andern lässt die Wortwahl „utopistisch“ auf ein theoretisch ungenügend geklärtes Verständnis von Utopie schliessen. Im Wort „utopistisch“ ist zwar die Utopie enthalten, diese wird aber durch das „istisch“ als nicht realisierbar hingestellt. So soll wohl jede Art von Utopie, jede Rede und Möglichkeit von Nicht- oder Noch-Nicht-Ort prinzipiell ausgeschlossen werden. Das liefe aber darauf hinaus, überhaupt keine Alternative zur real existierenden Weltordnung zuzulassen und diese damit festzuschreiben. Das widerspräche dem Reich-Gottes-Zeugnis jenes Jesus der Evangelien, den darzustellen Ratzinger/Benedikt XVI. beansprucht. Es geht nicht um die Alternative Negierung jeglicher Utopie versus Negierung von Versuchen total(itär)er Realisierung von Utopien. Erforderlich ist vielmehr eine Kritik der utopischen Vernunft, die ein differenziertes Verständnis des Verhältnisses von Utopien und historischen Projekten entwickelt.[40] Zur Gestaltung der gesellschaftlichen Wirklichkeit sind leitende Utopien notwendig, diese sind aber transzendentaler Natur und können unter den Bedingungen der raum-zeitlich begrenzten conditio humana prinzipiell nicht ganz und endgültig historisch realisiert werden. Zentrales Anliegen der Kritik der utopischen Vernunft ist es, Utopien nicht einfach als nicht realisierbar hinzustellen und so in antiutopischer und damit auch antihumaner Weise jede Alternative zur bestehenden Weltordnung zu leugnen. Sie beharrt aber auf der Differenz zwischen dem utopischen Horizont und jedem historischen Projekt, damit nicht durch die Identifizierung eines solchen mit dem utopischen Horizont dieser besetzt und letztlich geleugnet wird. Biblisch bezeugt hat das Reich Gottes eine historisch-utopische Doppelstruktur. Es ist kein zu kopierendes Modell der Gesellschaft. Es enthält aber ebenso Kriterien für die Gestaltung der irdischen Wirklichkeit wie es den menschlicher Machbarkeit entzogenen Horizont seiner als Tat Gottes verheissenen Vollendung meint.

Die Art und Weise, wie Ratzinger/Benedikt XVI. die Regno-Zentrik polemisch attackiert, läuft auf eine Diskreditierung des Reiches Gottes selbst als Mitte der Sendung Jesu hinaus. Er sucht jenes Reich Gottes zu entpolitisieren, dessen Bezeugung Jesus in der Kreuzigung durch das römische Imperium das Leben gekostet hat. Sein Reich-Gottes-Verständnis ist nicht jenes des von ihm in Anspruch genommenen „Jesus der Evangelien“. Hätte der „wirkliche Jesus“ ein bloss innerlich-mystisches Reich Gottes verkündet, wäre er wohl altersbedingt in einem Bett sanft entschlafen und nicht als junger Mann vor den Toren der Stadt brutal am Kreuz hingerichtet worden. Der Versuch, das Reich Gottes unpolitisch zu verkürzen, widerspricht dem Zweiten Vatikanischen Konzil, das als erstes Konzil in der Geschichte der Kirche unter dem Titel Die neue Erde und der neue Himmel auf die Bedeutung des Reiches Gottes für die Gestaltung der Erde hingewiesen hat (vgl. GS 39).

Die politisch motivierte Diffamierung der Regno-Zentrik durch Ratzinger/Benedikt XVI. deckt ein Zweifaches auf: Zum einen nimmt er die biblisch bezeugte und politisch relevante inhaltliche Fülle des Reiches Gottes nicht zur Kenntnis. Zum andern verfügt er über keine ausreichende Theorie, um sich differenziert über die Bedeutung des Reiches Gottes für die Gestaltung der Weltordnung äussern zu können, statt die Regno-Zentrik bloss polemisch zu diffamieren. Zudem ist festzuhalten, „[...] dass auch Ratzingers Theologie letztlich eine ‚politische Theologie’ ist, nur mit anderen Vorzeichen. Deswegen reagiert Ratzinger vermutlich so allergisch gegen all die, die nicht seiner Auffassung entsprechen.“[41]

3 Regno-Zentrik ohne Gott?

In seiner Polemik gegen die Regno-Zentrik lässt es Ratzinger/Benedikt XVI. nicht bei Vorwürfen sophistisch-politischer Art bewenden, sondern er greift die Zentralität des Reiches Gottes auch theologisch an, wenn er erklärt: „Vor allem aber zeigt sich: Gott ist verschwunden, es handelt nur noch der Mensch. [...] Unsere zentrale Kritik an dieser säkular-utopischen Idee von Reich hatte gelautet: Gott ist verschwunden. Er wird nicht mehr gebraucht oder stört sogar.“[42] Diese Kritik versucht er damit zu begründen, dass er – ohne allerdings Belege dafür anzuführen oder Namen zu nennen – ein Zerrbild von der Zentralität des Reiches Gottes zeichnet, um sich von diesem zu distanzieren. Er behauptet von der Regno-Zentrik: „’Reich’ – das bedeute einfach eine Welt, in der Friede, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung herrschen. Um nichts anderes gehe es.“[43] Zweierlei ist dazu anzumerken. Zum einen ist der abwertende Unterton im Hinweis auf den von der Vollversammlung des Ökumenischen Rates der Kirchen 1983* in Vancouver/Kanada lancierten und inzwischen ökumenisch breit rezipierten konziliaren Prozess für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung (GFS) nicht zu überhören. Angesichts der unzähligen Opfer von Ungerechtigkeiten und Kriegen sowie der Zerstörung der natürlichen Lebensgrundlagen hat eine negative Konnotation von GFS etwas Zynisches an sich. Zum andern enthält der Text zwei Unterstellungen. Jene, die ihren Glauben und ihre Theologie zentral vom Reich Gottes her verstehen, werden - ohne Belege dafür anzuführen - verdächtigt, das Reich Gottes auf den konziliaren Prozess GFS zu reduzieren. Sich für den konziliaren Prozess zu engagieren, heisst aber noch nicht, diesen ganz mit dem Reich Gottes zu identifizieren. Die andere Unterstellung besteht darin, im Blick auf die Zentralität des Reiches Gottes zu behaupten „Gott ist verschwunden“. Der verschwiegene Text enthält die diffamierende Unterstellung, die Vertreter der Zentralität des Reiches Gottes kämen ohne Gott aus oder würden ihn gar leugnen.

Insofern Ratzinger/Benedikt XVI. für sich beansprucht, „den Jesus der Evangelien als den wirklichen Jesus, als den ‚historischen Jesus’ im eigentlichen Sinn darzustellen“ und selber im Reich Gottes das Zentralthema der Botschaft Jesu erkennt, aber Vertretern der Zentralität des Reiches Gottes unterstellt, dieses reduktionistisch zu verkürzen und dabei gar Gott aussen vor zu lassen, gilt wohl auch hier das von Enrique Dussel im Zusammenhang mit der ersten Instruktion der Kongregation für die Glaubenslehre über einige Aspekte der „Theologie der Befreiung“ von 1984 gefällte Urteil über Ratzinger: „Kein Zeichen grosser Ernsthaftigkeit und Genauigkeit.“[44]  

4 Nähe der Regno-Zentrik zur satanischen Versuchung und deren Verkehrung in eine luziferische

Selbst die Unterstellung, die Regno-Zentrik komme ohne Gott aus, ist für Ratzinger/Benedikt XVI. nicht genug der Kritik. Er geht noch einen entscheidenden Schritt darüber hinaus, wenn er – ohne das zu belegen - von der Regno-Zentrik zunächst behauptet: „Der Glaube, die Religionen werden finalisiert auf politische Ziele hin. Nur das Einrichten der Welt zählt. Religion zählt so weit, wie sie dabei behilflich sein kann“[45] und dann als Verdikt formuliert: „Die Nähe dieser nachchristlichen Vision von Glaube und Religion [sie auf politische Ziele hin zu finalisieren, U.E.] zur dritten Versuchung Jesu ist beunruhigend.“[46] Dabei bezieht er sich auf die dritte Versuchung Jesu im Matthäusevangelium, zu der er im 2. Kapitel seines Jesus-Buches ausführt: „Kommen wir zur dritten und letzten Versuchung, dem Höhepunkt der ganzen Geschichte. Der Teufel führt den Herrn visionär auf einen hohen Berg. Er zeigt ihm alle Königreiche der Erde und deren Glanz und bietet ihm das Weltkönigtum an. Ist das nicht genau die Sendung des Menschen? Soll er nicht der Weltkönig sein, der die ganze Erde in einem grossen Reich des Friedens und des Wohlstandes vereinigt?“[47] Durchaus kirchenkritisch erklärt er dann zu dieser Versuchung: „Ihr wahrer Gehalt wird sichtbar, wenn wir sehen, wie sie die Geschichte hindurch immer neue Gestalt annimmt. Das christliche Kaisertum versuchte alsbald, den Glauben zum politischen Faktor der Reichseinheit zu machen. Das Reich Christi soll nun doch die Gestalt eines politischen Reiches und seines Glanzes erhalten. [...] Der Kampf um die Freiheit der Kirche, der Kampf darum, dass Jesu Reich mit keinem politischen Gebilde identifiziert sein kann, muss alle Jahrhunderte geführt werden.“[48]

Bevor auf diese Kritik an der Regno-Zentrik eingegangen wird, sei hier der Wortlaut aus dem Matthäusevangelium zitiert: „Wieder nahm ihn [Jesus] der Teufel [diábolos] mit sich und führte ihn auf einen sehr hohen Berg; er zeigte ihm alle Reiche der Welt mit ihrer Pracht und sagte zu ihm: Das alles will ich dir geben, wenn du dich vor mir niederwirfst und mich anbetest. Da sagte Jesus zu ihm: Weg mit dir, Satan! Denn in der Schrift steht: Vor dem Herrn, deinem Gott, sollst du dich niederwerfen und ihm allein dienen. Darauf liess der Teufel [diábolos] von ihm ab, und es kamen Engel und dienten ihm“ (Mt 4,8-11).

Ratzinger/Benedikt XVI. rückt die Regno-Zentrik in die Nähe der dritten Versuchung Jesu, nachdem er sie mit Parteidoktrinen in Verbindung gebracht und ihr das Verschwindenlassen Gottes unterstellt hat. Aufgrund dieser polemischen Stossrichtung muss die von ihm daraufhin behauptete Nähe der Regno-Zentrik zur dritten Versuchung Jesu dahingehend interpretiert werden, dass jene, die das Reich Gottes zentral sehen, verdächtigt werden, sich vor dem Teufel niederzuwerfen und ihn anzubeten. Vernichtender könnte eine Kritik ja wohl kaum ausfallen.[49]

Diese begründete Interpretation vorausgesetzt, ist daran zunächst Folgendes beunruhigend. Als einer, der über dreissig Jahre lang die Befreiungstheologie bekämpft hat, muss er wissen, wen er mit seinem Vorwurf trifft. Es sind dies [...] unter vielen anderen die Theologen Leonardo Boff, Ignacio Ellacuría, Jon Sobrino und deren Mitbrüder sowie Bischof Óscar Romero. Beunruhigend ist, dass jemand von einem ziemlich geschützten Arbeitsplatz im Vatikan aus jene in die Nähe der diabolisch-satanischen Versuchung rückt, die aufgrund ihrer Option für die Armen das Reich Gottes gegen das US-amerikanisch-kapitalistische Anti-Reich bezeugten und deswegen nicht nur verfolgt wurden, sondern – wie Bischof Romero und die Mitbrüder von Jon Sobrino - niedergeschossen oder massakriert worden sind.

Vor diesem Hintergrund macht es keinen Sinn, jenen, für die das Reich Gottes zentral ist, zu unterstellen, die Reiche der Welt anzuerkennen. Genau das haben sie ja nicht getan bzw. tun sie weiterhin nicht, sondern haben der ihnen unterstellten Versuchung widerstanden bzw. widerstehen ihr nach wie vor. Dadurch sind sie Opfer der real existierenden Reiche der Welt in Form der Pax Americana und der Pax Capitalistica geworden. Es ist auch in der ganzen Theologie der Befreiung – entgegen der Unterstellung durch Ratzinger/Benedikt XVI. - keine Spur davon zu erkennen, dem Reich Christi die als Projekt des christlichen Kaisertums angeführte Gestalt eines politischen Reiches geben zu wollen. Wenn nicht das Erliegen gegenüber der satanischen Versuchung beunruhigend ist, kann es - unter der Voraussetzung, dass es nur um Erliegen oder Verweigern geht - nur die Verweigerung sein. Beunruhigend für Ratzinger/Benedikt XVI. wäre dann nicht die zunächst vermutete Tatsache, dass sich die Vertreter der Regno-Zentrik dem Satan unterwerfen, sondern beunruhigend wäre für ihn, dass sie der Versuchung des Satans widerstehen. Dann wären nicht die Reiche der Welt und deren Pracht des Teufels, sondern das Reich Gottes selbst wäre es. Der Teufel hiesse in diesem Fall aber nicht mehr Satan als Fürst und Garant der herrschenden Reiche der Welt, sondern der Teufel hiesse jetzt Luzifer. Luzifer wird im Mittelalter bei Bernhard von Clairvaux zu einem Namen für den Teufel.[50] Aus dem Namen Luzifer, der Lichtträger, der noch im 4. Jahrhundert eine Bezeichnung für Jesus Christus, ein christlicher Taufname und der Name des Bischofs von Cagliari auf Sardinien war, wird ein Name für den Teufel. Luzifer als Teufel steht für die Verteufelung des von Jesus bezeugten Reiches Gottes. Teuflisch ist nicht mehr, die Welt im Sinne Satans so zu lassen, wie sie ist mit all ihren Ungerechtigkeiten und Opfern, sondern verteufelt wird jetzt, eine andere Welt im Sinne des Reiches Gottes zu wollen.

Im Blick auf den biblischen Text (vgl. Mt 4,8-10) gibt es logisch nur die zwei Möglichkeiten, sich entweder dem Satan zu unterwerfen oder sich ihm zu verweigern. Ratzinger/Benedikt XVI. erfindet nun aber im Kapitel über die Versuchungen Jesu so etwas wie eine dritte Möglichkeit. Zunächst paraphrasiert er den biblischen Text: „Der Teufel führte den Herrn visionär auf einen hohen Berg. Er zeigte ihm alle Königreiche der Erde und deren Glanz und bietet ihm das Weltkönigtum an.“[51] Gleich im Anschluss daran fragt er ebenso polemisch wie rhetorisch: „Ist das nicht genau die Sendung des Menschen? Soll er nicht der Weltkönig sein, der die ganze Erde in einem grossen Reich des Friedens und des Wohlstands vereinigt?“[52] Das wäre dann die Ratzinger/Benedikt XVI. beunruhigende Nähe zur dritten Versuchung Jesu, die ganze Erde in einem grossen Reich des Friedens und des Wohlstands zu vereinigen. Für seine Behauptung, eine in Frieden und Wohlstand vereinte Welt sei ein Projekt des Teufels, bleibt er jeden Beweis schuldig. Im biblischen Text spricht der Teufel nicht von einer noch aufzubauenden, in Frieden und Wohlstand vereinten Welt, sondern von den existierenden Reichen der Welt und ihrer Pracht als deren Herr er sich ausgibt. In diesem Sinne lädt im Matthäusevangelium der Teufel Jesus ein, sich ihm zu unterwerfen und dafür alle Reiche der Welt und ihre Pracht zu erhalten (vgl. Mt 4, 8 f.). Jesus verweigert dies mit der Begründung, nur vor Gott, dem Herrn soll man sich niederwerfen und nur ihm dienen (vgl. Mt 4, 9 f.). In dieser Zurückweisung des Satans und seines Angebots durch Jesus ist das Reich Gottes oder das Himmelreich abwesend gegenwärtig, weil dessen Nähe Jesus bezeugt zu haben, einige Verse später festgehalten wird (vgl. Mt 4,17) und Jesus sich im Namen dieses Himmelreiches oder Reiches Gottes dem Satan verweigert. Im Text des Matthäusevangeliums geht es um die Alternative zwischen den Reichen der Welt und ihrer Pracht auf der einen und dem Himmelreich oder Reich Gottes auf der anderen Seite. Von einem Dritten ist im Evangelium nicht die Rede. Ratzinger/Benedikt XVI. erfindet aber ein solches, obwohl er beansprucht, „[...] den Jesus der Evangelien als den wirklichen Jesus, als den ‚historischen Jesus’ im eigentlichen Sinn darzustellen“[53]. Er unternimmt dies, um von einem grossen Reich des Friedens und des Wohlstands zu sprechen und dieses dann mit den vom Satan angebotenen Reichen der Welt und ihrer Pracht gleichzusetzen.* Durch diese Gleichsetzung aber geschieht eine Verkehrung. Die real existierenden Reiche der Welt mit einer Wirtschaft, die töte, sind das Gegenteil einer Welt des Friedens und Wohlstands. Durch diese Verkehrung werden Frieden und Wohlstand verteufelt. Wenn Frieden und Wohlstand, die lediglich eine kleine Minderheit der Menschheit geniessen, verteufelt werden, heisst das, Frieden und Wohlstand jener grossen Mehrheit der Menschen zu verweigern, die heute unter struktureller Gewalt und kriegerischen Auseinandersetzungen leiden und im Elend darben. Das aber hat ganz und gar nichts zu tun mit dem von Jesus bezeugten Reich Gottes als Leben in Fülle für alle (vgl. Joh 10,10).

Insofern Ratzinger/Benedikt XVI., das Streben nach Frieden und Wohlstand in die Nähe der satanischen Versuchung rückt, liest er nicht nur etwas in den biblischen Text hinein, sondern nimmt eine Verkehrung vor. Nicht die vom Satan geforderte vorbehaltlose Anerkennung der bestehenden Reiche der Welt mit ihren vielfältigen Formen von Gewalt und der Bereitschaft, den Tod von Menschen und der Natur in Kauf zu nehmen, ist teuflisch. Sondern teuflisch ist es, auf der Seite der Opfer zu stehen und deswegen eine Welt anzustreben, die sich im Sinne des Reiches Gottes an den materiellen, sozialen und religiös-kulturellen Bedürfnissen aller Menschen orientiert.[54] Der Teufel dieser Versuchung ist nicht mehr Satan, sondern Luzifer als Umkehrung von Jesus Christus. Ratzinger/Benedikt XVI. verkehrt die satanische Versuchung, die Reiche der Welt und ihre Pracht anzuerkennen, in eine luziferische Versuchung, die darin besteht, im Namen und im Sinne des Reiches Gottes eine andere Welt zu wollen, die Reich-Gottes-verträglich ist. Ratzinger/Benedikts’ XVI. Verkehrung zeigt sich auch darin, dass er ein politisch relevantes Verständnis von Reich Gottes als nachchristliche Vision von Glaube und Religion diffamiert, obwohl nach dem urchristlichen Zeugnis die politische Dimension des Reiches Gottes offenkundig ist, wie die Kreuzigung Jesu durch die Pax Romana offenbart und woran das Zweite Vatikanische Konzil (vgl. GS 39) als erstes Konzil der Geschichte wieder erinnert hat.


* Um einige Anmerkungen gekürzter Text aus: U. Eigenmann, Von der Christenheit zum Reich Gottes. Beiträge zur Unterscheidung von prophetisch-messianischem Christentum und imperial-kolonisierender Christenheit, Luzern 2014, 54-67. Dem Band liegt Franz Hinkellammerts Erkenntnis zugrunde, dass „[...] die im Zuge der konstantinischen Wende im 4. Jahrhundert erfolgte ‚[...] Christianisierung des Imperiums [...] in Wirklichkeit eine Imperialisierung des Christentums [war]’. Es fand eine Verkehrung des messianischen Christentums in die imperiale Christenheit statt, die von dieser Welt ist“ (ebd. 9). Die Kernthese lautet, erst die im Untertitel formulierte „[...] Unterscheidung lasse die grundlegenden Konflikte in der römisch-katholischen Kirche zentral theologisch verstehen. Exemplarisch zeigt sich das in den Auseinandersetzungen um die lateinamerikanische Theologie der Befreiung“ (vgl. ebd.). 

[1] Vgl. J. Ratzinger/Benedikt XVI., Jesus von Nazareth. Erster Teil: Von der Taufe im Jordan bis zur Verklärung, Freiburg im Breisgau 22007, 73-92.  

[2] Vgl. ebd. 76 f.

[3] Vgl. ebd. 77.

[4] Ebd.

[5] Ebd. 89.

[6] Ebd. 92; vgl. ebd. 108.

[7] J. Ratzinger/Benedikt XVI., Jesus von Nazareth. Zweiter Teil: Vom Einzug in Jerusalem bis zur Auferstehung, Freiburg im Breisgau 2011, 218.

[8] Ratzinger/Benedikt XVI., Jesus von Nazareth. Erster Teil 77.

[9] Ebd. 181.

[10] Ratzinger/Benedikt XVI., Jesus von Nazareth. Zweiter Teil 218 f.

[11] Ratzinger/Benedikt XVI., Jesus von Nazareth. Erster Teil 85.

[12] Ebd. 20.

[13] H. Häring, Jesus – logischer gemacht?, in: „Jesus von Nazareth“ kontrovers. Rückfragen an Joseph Ratzinger,

Berlin/Münster 22007, 109-120, hier: 119.

[14] J. Werbick, Prolegomena, in: Th. Schneider u. a. (Hg.), Handbuch der Dogmatik, Band 1, Düsseldorf 42009, 1-48, hier: 19.

[15] Vgl. Ratzinger/Benedikt XVI., Jesus von Nazareth. Erster Teil 85.

[16] Vgl. D. Bonhoeffer, Nachfolge, München 1989, 29 f.

[17] Vgl. Ratzinger/Benedikt XVI., Jesus von Nazareth. Erster Teil 78 f.

[18] Ebd. 79.

[19] Ebd. 79 f.

[20] Ebd. 80.

[21] Ebd.

[22] Vgl. ebd. 80 f.

[23] Vgl. ebd. 81 f.

[24] Ebd. 82.

[25] Vgl. ebd.

[26] Vgl. ebd. 83.

[27] Vgl. ebd.

[28] Ebd. 82 f.

[29] Ebd. 83.

[30] Ebd. 84.

[31] Ebd.

[32] Ebd. 154.

[33] Ebd. 158 f.

[34] Ebd. 38.

[35] Vgl. K. Füssel, „Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist, und Gott, was Gottes ist!“ Aber wer und was gehört zu wem? Eine materialistische Lektüre von Mk 12,13-17, in: K. Füssel/F. Segbers (Hg.), „... so lernen die Völker des Erdkreises  Gerechtigkeit.“ Ein Arbeitsbuch zu Bibel und Ökonomie, Luzern/Salzburg 1995, 149-159.

[36] Ratzinger/Benedikt XVI., Jesus von Nazareth. Erster Teil 390.

[37] Vgl. I. Zurkinden, Vorschlag einer Übersetzung von Röm 13,1-7, in: F. J. Hinkelammert, Der Fluch, der auf dem Gesetz lastet. Paulus von Tarsus und das kritische Denken, Luzern 2011, 141-152.

[38] Ratzinger/Benedikt XVI., Jesus von Nazareth. Erster Teil, 390.

[39] Vgl. Eigenmann, „Das Reich Gottes und seine Gerechtigkeit für die Erde.“ Die andere Vision vom Leben, Luzern 1998, 33-94.

[40] Vgl. F. J. Hinkelammert, Kritik der utopischen Vernunft. Eine Auseinandersetzung mit den Hauptströmungen der modernen Gesellschaftstheorie, Luzern/Mainz 1994.

[41] B. Ogan, „Jesus von Nazareth“. Ein Mystagoge als Glaubenshüter, in: Häring (Hg.), „Jesus von Nazareth“ in der wissenschaftlichen Diskussion, Wien/Berlin/Münster 2007, 291-306, hier: 303.

[42] Ratzinger/Benedikt XVI., Jesus von  Nazareth. Erster Teil 84.

[43] Ebd. 83.

[44] Dussel, Prophetie und Kritik. Entwurf einer Geschichte der Theologie in Lateinamerika, Fribourg/Brig 1989, 94.

[45] Ratzinger/Benedikt XVI., Jesus von Nazareth. Erster Teil 84.

[46] Ebd.

[47] Ebd. 67.

[48] Ebd. 68 f.

[49] Deshalb ist es erstaunlich, dass in keiner der konsultierten Publikationen zu den Jesusbüchern von Ratzinger/Benedikt XVI. mit über hundert Beiträgen auf über 1'500 Seiten auf diese Kritik eingegangen wird. Vgl. „Jesus von Nazareth“ kontrovers; Th. Söding (Hg.), das Jesus-Buch des Papstes. Die Antwort der Neutestamentler, Freiburg im Breisgau 2007; H. Hoping/M. Schulz (Hg.), Jesus und der Papst. Systematische Reflexionen zum Jesus-Buch des Papstes, Freiburg im Breisgau 2007; J.-H. Tück (Hg.), Annäherungen an „Jesus von Nazareth“. Das Buch des Papstes in der Diskussion, Ostfildern 2007; Häring (Hg.), „Jesus von Nazareth“ in der wissenschaftlichen Diskussion; H. Häring, Der Jesus des Papstes. Passion, Tod und Auferstehung im Disput, Berlin/Münster 2011; Th. Söding (Hg.), Tod und Auferstehung Jesu. Theologische Antworten auf das Buch des Papstes, Freiburg im Breisgau 2011.

[50] Vgl. F. J. Hinkelammert, Luzifer und die Bestie. Eine fundamentale Kritik jeder Opferideologie, Luzern 2009, 181 f.

[51] Ratzinger/Benedikt XVI., Jesus von Nazareth. Erster Teil 67.

[52] Ebd.

[53] Ebd. 20.

[54] Vgl. Eigenmann, „Das Reich Gottes und seine Gerechtigkeit für die Erde“ 93 f.

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